Der Neubau des Stadions Rot-Weiss

5 Jahre: von 1939 bis 1944 hielt das Stadion an der Hafenstraße.

Die RWE-Mannschaft beim Eröffnungsspiel: Hein, Moritz, Hulisch, Altrath, Giebels, Bastke, Menne, Karger, Lücke, Bungarten, Derks. Fotos: RWE/Archiv

Das neue Stadion vor der Eröffnung.

Blick auf die „Prominenten“ beim Spiel gegen Hertha BSC Berlin.

In unser Serie „Stadionbau in Essen – ein Jahrhundertprojekt“ beleuchten wir im zweiten Teil den Bau eines ersten Stadions an der Hafenstraße, das am 13. August 1939 eröffnet wurde.

Es entstand dort, wo bis zum Abbruch das Georg-Melches-Stadion seinen Platz hatte. Initiator des Neubaus waren der 1. Vorsitzende Gustav Klar und der Fußball-Obmann Georg Melches. Gelder kamen auch von der Stadt Essen. Es hielt leider nicht lange, sondern wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.
Der Ausbau der Platzanlage an der Hafenstraße war bei RWE schon längere Zeit ein Thema, doch erst die Auswirkungen eines schweren Unwetters Ende August 1938 und die darauf folgende Unterstützung der Stadt und der Essener Kreisführung des Deutschen Reichsbundes für Leibesübungen (DRL) führten dazu, dass die Pläne relativ kurzfristig realisiert werden konnten. Das Hochwasser hatte den Sportplatz von RWE in eine Seenplatte verwandelt. Rot-Weiss Essen forderte von der Emschergenossenschaft sogar Schadenersatz.
In Kombination mit den unhaltbaren Zuständen bei zwei Spitzenspielen im Oktober 1938, der damit verbundenen Presseberichterstattung und dem eigenen „Stadion-Erlebnis“ lokaler Prominenz wurde der Weg frei für eine für Essener Verhältnisse im bisherigen Stadionbau wirklich großzügige Lösung.

Hertha BSC Berlin und ETB Schwarz-Weiß Essen
Die Rot-Weissen spielten 1938/39 das erste Mal in der Gauliga Niederhein, also in der höchsten deutschen Klasse. Am 9. Oktober 1938 kam Hertha BSC Berlin im Achtelfinale des Tschammer-Pokals – dem Vorläufer des heutigen DFB-Pokals – an die Hafenstraße. Der Essener Anzeiger ging in seiner ausführlichen Berichterstattung nicht nur auf den 3:0-Sieg von RWE ein, sondern widmete sich auch der Qualität der Sportplatzanlage, die auch von den 9.000 Zuschauern sowie den anwesenden Vertretern der Stadt, der NSDAP, der Presse und des Gaues Niederrhein registriert wurde.
Schon eine Woche später, beim Lokalderby gegen Schwarz-Weiß, wurde die Zuschauerzahl noch einmal weit übertroffen. Es sollen bis zu 18.000 gewesen sein. Das Polizeipräsidium Essen kam zu dem Schluss, dass nicht nur die Platzanlage, sondern auch die Verkehrsverhältnisse an der Hafenstraße für solch große Veranstaltungen völlig unzulänglich wären.
Von beiden Spielen blieb die Erkenntnis, dass die Platzanlage sowohl quantitativ als qualitativ nicht mehr den mit dem sportlichen Erfolg gestiegenen Ansprüchen entsprach. Es drohte für vergleichbare Spiele nicht nur ein Platzverbot durch den DRL-Gau Niederrhein, sondern auch ein polizeiliches Durchführungsverbot. Es musste also gehandelt werden – und zwar von Verein und Stadtverwaltung.

Bau des Stadions
Gebraucht statt neu, Eigeninitiative von RWE, gepaart mit schnellen Genehmigungen der Stadtverwaltung, ergänzt um Arbeiten, die direkt von städtischen Arbeitern oder von Arbeitslosen im Rahmen von Wohlfahrtsarbeiten erledigt wurden. So gelang es, innerhalb von ein paar Monaten das Stadion Rot-Weiss zu errichten. RWE erhielt Geld für den Ankauf einer gebrauchten Holztribüne, kam umsonst an die Betonplatten zur Auskleidung der Zuschauerränge, auch an die Stufen zu den Rängen, die Pfosten zum Schulgelände und die Baracke mit Duschanlagen. Diese wurde außerdem mit Umkleideräumen, einem Schiedsrichterraum und einer Wohnung für den Platzwart ausgestattet und komplett auf Kosten der Stadt installiert.

Das neue Stadion und die Folgen
Das Stadion lag nach den Umbauarbeiten circa 30 Meter weit entfernt von der Hafenstraße, bot Platz für mindestens 22.000 Besucher, die Holztribüne fasste gut 1.200 Besucher. Am 13. August 1939 wurde das Stadion mit einem Freundschaftsspiel gegen FC Schalke 04 eingeweiht. Das Spiel war ausverkauft. Es sollen fast 30.000 Zuschauer anwesend gewesen sein.
Als besonders schwierig erwies sich in der Folgezeit die Tilgung der Schulden, die RWE für den Stadionbau aufgenommen hatte. Trotz guten Abschneidens in der Gauliga Niederrhein waren die Zuschauerzahlen rückläufig. RWE musste handeln und wendete sich an die Stadt.
Am 1. November 1940 gab es ein vierseitiges Schreiben von Georg Melches an Oberbürgermeister Dillgardt, in dem er schonungslos die finanzielle Notlage von Rot-Weiss Essen beschrieb. In seinen Lösungsvorschlägen ging Melches sogar so weit, der Stadt Essen den Kauf des Stadions anzubieten, wenn die Vereinsschulden übernommen würden und RWE ihn weiter nutzen könnte.
Der Oberbürgermeister ließ verwaltungsintern verlauten, dass dem Verein unbedingt geholfen werden müsse. Im Februar 1941 wurde ein Vertrag zwischen der Stadt Essen und RWE über die Nutzung der Sportanlage Rot-Weiss durch Schulen geschlossen. Das Darlehen bedeutete für RWE die finanzielle Rettung, er bot aber keinen Schutzschild gegen Bombenangriffe des seit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 wütenden Zweiten Weltkriegs.

Das Ende für das Stadion Rot-Weiss kam dann in der so genannten „Schlacht um die Ruhr“ mit verstärkten alliierten Luftangriffen auf das Ruhrgebiet. In der Nacht vom 25. auf den 26. Juli 1943 erfolgte der bis dahin größte Angriff auf Essen mit immensen Zerstörungen im ganzen Stadtgebiet. Im Laufe der Nacht wurde auch das RWE-Stadion weitgehend zerstört. Es konnte aber noch weiter genutzt werden, bis Oktober 1944.