Stadiongeschichte 1945-1957 – Wiederaufbau und Ausbau

Im dritten Teil unserer Serie „Stadiongeschichte in Essen – ein Jahrhundertprojekt“ beleuchten wir den Zeitraum des Wiederaufbaus der zerstörten Stadionanlage Rot-Weiss nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu ihrem Ausbau mit einer Flutlichtanlage und der Einweihung einer neuen Haupttribüne im Jubiläumsjahr 1957.

Die neue Haupttribüne bildete das Herzstück des Stadions

Die Gesamtlage des Georg-Melches-Stadions.

Eindrücke der Vergangenheit: Das Stadion um 1949.

Einblicke in das Training der Nachkriegszeit.

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg berief Georg Melches für den 31. August 1945 die erste Mitgliederversammlung ein, die vor den Trümmern der Tribüne auf dem verschlammten Boden des Spielfeldes stattfand. Es wurde beschlossen, „den Spielbetrieb wieder aufzunehmen, die Spielfläche wieder herzurichten und dann nach und nach die Schäden, die durch Feindeinwirkung an der Platzanlage entstanden sind, zu beseitigen.“

Für die Instandsetzung wurde auf der Vereinsversammlung am 6. September 1946 sogar ein fester Arbeitstag festgelegt. Mit bescheidenen Mitteln musste man sich anfangs zufrieden geben. Als Umkleideraum diente ein Klassenraum der Volksschule Vogelheim, an deren Stelle später die Haupttribüne entstand. In der Festschrift von 1957 heißt es dazu: „Notdürftig wurden die Fensterhöhlen mit Brettern unserer Tribünenreste zugeschlagen. Der Weg zur Klasse, die noch als einzige des ganzen Schulgebäudes wenigstens vier Wände, Decke und Fußboden besaß, musste erst durch Trümmer gebahnt werden. Als Waschgelegenheit standen einige Eimer kalten Wassers zur Verfügung.“

Die Platzanlage selbst war innerhalb von zwei Jahren wieder großzügig ausgebaut worden. Am 3. Oktober 1948 konnte auf der Mitgliederversammlung vermeldet werden, dass der Platz nun eingezäunt, die Tribüne fertig gestellt und eine Lautsprecheranlage angelegt worden ist.

Stadionausbau – „Ein deutsches Highbury"

Von Beginn seiner Vereinsgeschichte war Rot-Weiss Essen in besonderer Weise über die Zechen Emil-Emscher, Fritz-Heinrich und Carolus Magnus mit dem Bergbau verbunden. RWE kam dadurch nach 1945 vergleichsweise schnell wieder auf die Beine. Georg Melches organisierte durch seine Kontakte das Baumaterial, während die Bauarbeiten vornehmlich von Bergleuten durchgeführt wurden. Die Kontakte zu den wirtschaftlich florierenden Essener Zechenanlagen ermöglichten RWE den Ausbau eines für die damalige Zeit hochmodernen Vereins- und Stadiongeländes, das aufgrund einer Reihe großzügiger Grundstücksübereignungen der Bergwerksgesellschaften zu einem at­traktiv gestalteten architektonischen Gesamtkomplex erweitert werden konnte.

Dank dieser Unterstützung bot das Stadion schließlich Platz für 35.000 Zuschauer. Rot-Weiss Essen entwickelte sich zum Zuschauermagneten und belegte in der Spielzeit 1951/52 mit 315.000 Zuschauern den zweiten Platz in der Zuschauertabelle des „Kickers“. Melches hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon Gedanken über einen Tribünenausbau gemacht. Zwischen 1954 und 1957 entstand eine neue Haupttribüne, konzipiert als Multifunktionsanlage, die unter den 4784 Sitzplätzen in drei Bereiche aufgeteilt war. Im ersten Trakt befanden sich die Wohnungen des Hausmeisters und Platzwartes sowie die Räumlichkeiten des Verwaltungsbereiches. Im Erdgeschoss wurden Umkleide- und Duschräume, Gesundheitsanlagen mit Massageraum und Entspannungsbecken und eine Sauna eingerichtet.

Der mittlere Trakt beherbergte eine 32 mal 14 Meter messende Turnhalle, die auch von der Damen-Basketball-Abteilung sehr erfolgreich im Kampf um Bundesligapunkte genutzt wurde. Gleichzeitig diente der Raum als Mehrzweckhalle mit transportabler Bühne und Klappbestuhlung für 450 Personen. Im dritten Trakt wurde der Restaurationsbetrieb mit Ess- und Besprechungsraum für die Mannschaft untergebracht. Hinzu kamen Clubräume für den Jugendbereich, das Trophäenzimmer für die vielen Pokale und Wimpel, die der Verein im Laufe der Jahre zusammengespielt hatte. Unter dem Tribünendach gab es vier möblierte Zimmer, in denen die neuen Spieler oder Trainer anfänglich wohnen konnten.

Das Herzstück des Stadions wurde 1957 im fünfzigsten Jubiläumsjahr des Vereins fertig gestellt. Das gesamte vereinseigene Gelände war jetzt ca. 100.000qm groß. In der Verbandszeitung des Westdeutschen Fußballverbandes wurde die neue Tribüne mit dem Sportpark von Arsenal London verglichen: „Bergeborbeck ein deutsches Highbury“ lautete die Schlagzeile. Der Artikelschreiber sah in der neuen Haupttribüne „ein technisches Wunderwerk“ im Sportstättenbau, da ihr „Dach freitragend, 15 Meter über dem Erdboden, in einer Ausdehnung von mehr als 100m die Sitzplätze überwölbt. Keine Säule stört die Sichtmöglichkeiten von der Tribüne her.“

Die neue Tribüne hatte Modellcharakter und lockte Vereinsfunktionäre aus ganz Deutschland in das Essener Arbeiterviertel. Hier stand eine Tribüne, deren freitragendes Dach durch keine störenden Stützpfeiler die Sicht einschränkte.

Flutlichtpremiere beim 100. internationalen Spiel

Ein weiteres Highlight hatte es bereits ein Jahr zuvor gegeben. Mit dem 100. internationalen Spiel der Essener war beim 4:0 Erfolg gegen Racing Club Straßburg am 8. August 1956 eine der ersten Flutlichtanlagen in Deutschland eingeweiht worden.

Parallel zum Flutlicht- und Haupttribünenbau wurde die Gesamtanlage durch weitere Fußball-Ascheplätze und Spielflächen für die Tennis- und Basketball-Abteilung erweitert.

Die Fertigstellung der Haupttribüne bildete den krönenden Schlussstein der Arbeit von Georg Melches. Das Besondere an dem für die damalige Zeit kühnen Bauvorhaben war, dass es sich um ein privat finanziertes und allein im Besitz des Vereins befindendes Stadion handelte. Die Finanzierung der Stadionerweiterung erwies sich für die Zukunft allerdings als ein schwieriges Unterfangen, das die Eigenmittel des Vereins trotz sportlicher Erfolge und hoher Zuschauereinnahmen überforderte.

Die Stadt Essen legte in der Nachkriegszeit beim Thema Stadionbau andere Schwerpunkte, die wir in der nächsten Folge in den Blick nehmen.

Text: Georg Schrepper