Worte zum Jahreswechsel

Am Montag begann das rot-weisse Fußballjahr 2016 - sowohl auf dem Trainingsplatz, als auch auf der Geschäftsstelle. Als Einstimmung darauf findet Ihr hier einen Rück- und Ausblick unseres 1. Vorsitzenden Prof. Dr. Michael Welling:

Prof. Dr. Michael Welling blickt auf das vergangene Jahr zurück.

RWE-Spieler im Austausch mit den Fans. (Foto: Endberg)

Highlight des vergangenen Jahres war der Gewinn des Niederrheinpokals. (Foto: Tillmann)

Auch 2016 freut sich der Verein auf die Spiele an der Hafenstraße. (Foto: Endberg)

Liebe Fans und Freunde, liebe Mitglieder und Partner von Rot-Weiss Essen,
ein gutes neues Jahr 2016 wünsche ich uns und unserem Verein! Während diese Wünsche zu einem neuen Jahr typisch sind, haben sie doch in unserem Fall eine ganz besondere Bedeutung, wenn man auf das vergangene Jahr 2015 zurückblickt und eine kurze Bestandsaufnahme wagt.

Denn ich persönlich bin – wie sicherlich die meisten Fans von RWE – froh, dass das Jahr 2015 nun hinter uns liegt, ein Jahr, das nur wenige Highlights, dafür aber viele Enttäuschungen und bittere Momente mit sich brachte. Sowohl mit Blick auf RWE, für mich durch den Tod meiner Mutter kurz vor Weihnachten aber auch persönlich.

Wagen wir zunächst einen Blick zurück, so waren zum Jahreswechsel 2014/15 noch viele RWE-Fans hoffnungsfroh. Auch wenn wir in der Hinserie der Saison 2014/15 nicht immer sportlich überzeugten, haben wir auf Tabellenplatz 1 überwintert, waren alle euphorisiert und haben dem Jahresauftakt bei Alemannia Aachen entgegengefiebert. Welche Begeisterung bei Rot-Weiss Essen möglich ist, wissen wir, haben wir aber erneut erleben dürfen, als das Spiel ausverkauft war und über 7.000 Rot-Weisse nach Aachen pilgerten. Den ersten Euphoriedämpfer gab es jedoch schon zuvor in der Winterpause, als eine positive Dopingprobe von Cebio Soukou festgestellt wurde, Cebio trotz unserer Unterstützung in der Folge dann für die Restsaison gesperrt wurde.

Das verlorene Spiel in Aachen war dann der Beginn einer komplett enttäuschenden Rückserie, in der wir nicht in die Erfolgsspur (zurück) gefunden haben. Hinzu kam, dass wir wegen des kompletten Bruchs des Vertrauensverhältnisses durch Uwe Harttgen uns im Frühjahr von ihm trennen mussten. Im Nachgang muss man konstatieren, dass wir bei der Personalauswahl letztlich eine Entscheidung gefällt haben, die einfach nicht zu Rot-Weiss Essen gepasst hat, obwohl uns Uwe Harttgen bei den sehr intensiven Vorgesprächen noch einen ganz anderen Eindruck vermittelt hatte.

Wie alle wissen, haben wir uns dann in der Folge auch vom Trainerteam um Marc Fascher getrennt, um wenigsten das zweite angestrebte Saisonziel – den Gewinn des Niederrhein-Pokals – nicht zu gefährden. Die Erfolge im Pokal zum Ausklang der Saison 2014/15 wurden dann durch Jürgen Lucas und Markus Reiter gemeinsam mit der Mannschaft eingefahren. An dieser Stelle gebührt beiden nochmals ein großes Dankeschön für ihre spontane Bereitschaft, dem Verein in einer schwierigen Situation sehr, sehr kurzfristig zu helfen. So kurzfristig, dass beide den Urlaub mit den Familien haben absagen müssen. Jürgen und Markus haben hier ihr rot-weisses Herz gezeigt. Der Sieg im Finale gegen RW Oberhausen war sicherlich das Saisonhighlight, das wir in einem „perfekten Elfmeterschießen“ feiern durften (wie ein „unperfektes“ Elfmeterschießen aussieht, mussten wir dann beim DFB-Pokalspiel gegen Düsseldorf erleben). Die Feierlichkeiten selbst waren jedoch durch den Unfall eines Rot-Weiss Fans getrübt, dem es glücklicherweise inzwischen besser geht.

Die Trennung von Uwe Harttgen und dem Trainerteam um Marc Fascher haben es dann nötig gemacht, dass wir uns im sportlichen Bereich neu aufstellen mussten. Wir haben unser Vertrauen Andreas Winkler geschenkt, der im letzten Jahrzehnt unsere Jugendarbeit geprägt und maßgeblich dazu beigetragen hat, dass wir heute als Viertligist stolz darauf sein dürfen, dass uns der DFB im Juni 2015 als offizielles Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) anerkannt hat. Dies hat unter diesen Rahmenbedingungen kein anderer Regionalligist geschafft. Hier hat gefruchtet, dass wir uns auch zur Insolvenzzeit zu unserer Jugendarbeit bekannt und das klare Bekenntnis abgegeben haben, uns auf dieser Basis zu entwickeln. Gerade in der aktuellen Saison stehen unsere U19 und unsere U17 Teams in der Bundesliga nach der Halbserie auf beachtlichen Mittelfeldplätzen, eine Leistung, die für einen Verein wie Rot-Weiss Essen nicht so ohne weiteres zu erwarten war. Schließlich müssen wir uns dort mit den Teams von Erst- und Zweitligisten auseinandersetzen, die wesentlich mehr Geld investieren können. Diese Tatsache müssen wir uns immer wieder vor Augen führen und allen Spielern, Trainern und Verantwortlichen in der Jugend dafür danken. Wir sind sicher, dass wir von dieser hervorragenden Jugendarbeit in den nächsten Jahren auch im Seniorenbereich profitieren werden!

Andreas Winkler hatte neben seiner Tätigkeit als Leiter des NLZ dann im April bereits bei der kurzfristigen Lösung der Nachfolge von Marc Fascher sehr intensiv mitgeholfen und hat gemeinsam mit vor allem Markus Reiter dann auch die einheitliche Spielphilosophie definiert, die der Arbeit im gesamten Verein, d.h. von den U-Mannschaften bis zur Lizenzspielermannschaft, zu Grunde legen soll – ein längst überfälliger Schritt, der aber bewusst den konzeptionellen Ansatz in den Fokus gerückt hat und dessen Umsetzung Zeit brauchen wird. Wir haben für den Gesamtverein damit nachgeholt, was in der Jugend schon länger implementiert wurde. Wir haben hier einen Prozess anstoßen, der ein Umdenken von allen Beteiligten erfordert, der auch die Verzahnung zwischen Nachwuchs und Lizenzspielerbereich unabdingbar macht.

Mit der Verpflichtung von Jan Siewert als Cheftrainer haben wir danach einen Trainer ausgewählt, von dem wir nach wie vor überzeugt sind, dass er diese Spielidee mit der Lizenzspielermannschaft umsetzen wird und mit dem die Verzahnung mit dem NLZ funktioniert. Auch wenn wir fast alle Spieler haben halten können, die beim Pokalsieg gegen Oberhausen in der Startelf standen, so mussten wir zum Saisonbeginn dennoch einen personellen Umbruch moderieren. Dieser war vor allem deshalb notwendig geworden, weil wir mit Blick auf die U23-Regelung gezwungen waren, viele junge und entwicklungsfähige Spieler zu verpflichten. Mit Ausnahme von Kevin Behrens und Gino Windmüller kamen daher ausschließlich U23-Spieler. Aber nicht nur der personelle Umbruch, sondern vor allem auch die veränderte Philosophie hat dazu geführt, dass der gefühlte Umbruch größer ausfiel als erwartet. Hier müssen wir zugeben, dass wir zwar mit Problemen bei der Umsetzung gerechnet haben, die damit verbundenen Schwierigkeiten aber unterschätzt haben.
Wenn wir mit Blick auf die Lizenzspielermannschaft auf die Ergebnisse und die aktuelle Tabelle im Jahr 2015 schauen, dann müssen wir ganz klar sagen: Ein Seuchenjahr, eine große Enttäuschung. Wenige Highlights wie der Pokalsieg gegen RWO sowie das unglücklich verlorene DFB-Pokalspiel gegen Fortuna Düsseldorf ragen heraus, unseren eigenen Ansprüchen sind wir im Jahr 2015 aber kaum gerecht geworden. Daraus resultiert allerorts die berechtigte Enttäuschung und Frustration: Bei den Fans, bei den Verantwortlichen und bei den Spielern selbst.

Dabei geht es hier gar nicht so sehr darum, welchen (finanziellen) Mitteleinsatz wir aufwenden. Hierzu nur ganz kurz der Einschub, dass wir in der aktuellen Saison 2015/16 zwar das identische Budget geplant haben wie in der Vorsaison, dass aber das Budget aktuell auch noch die finanziellen Konsequenzen der Vorsaison aus den Personalwechseln (Harttgen, Fascher etc.) mittragen muss. Es geht aber auch gar nicht so sehr darum, ob nun die U-Mannschaften der mit uns konkurrierenden Vereine mehr Geld fürs Personal aufwenden als wir (was in den meisten Fällen so ist) oder wie hoch die Budgets von Viktoria Köln, Lotte, Aachen oder Oberhausen im Verhältnis zu unserem tatsächlich sind. Ehrlicherweise: Das muss uns fast egal sein! Wir gehören mit Blick auf die Personalaufwendungen der ersten Mannschaft definitiv zum ersten Drittel der Regionalliga West. Auch daher muss unser Anspruch sein, dass wir uns sicher im oberen Tabellendrittel positionieren. Ebenso muss es unser Anspruch sein, dass wir in der Lage sind, mit Unterstützung unserer Fans und Sponsoren und aufgrund unseres Umfeldes in dieser Liga jeden Gegner zu schlagen. Wir dürfen und müssen selbstbewusst sagen: Wir sind RWE!

Das bedeutet aber (leider) nicht den Automatismus, dass wir tatsächlich immer gewinnen und erfolgreich sind. Die Implementierung der Spielidee braucht nun einmal Zeit. Wir unterschätzen die Tabellensituation nicht und wir müssen in der Rückrunde unsere Punkte sammeln, wobei wir in jedes Spiel mit dem Anspruch gehen können, dass wir den Platz als Sieger verlassen. Auch wenn die Ergebnisse in der Hinserie nicht so waren, wie wir uns das vorgestellt haben, haben wir eine Qualität im Kader, die dazu führen muss, dass wir die notwendigen Punkte sammeln. Und jeder einzelne Spieler hat die Qualität und den Anspruch, in der Regionalliga erfolgreich Fußball zu spielen. Dieses Selbstbewusstsein müssen wir an den Tag legen und gemeinsam (!!!) entwickeln. Gemeinsam entwickeln schließt hierbei alle ein: Das beginnt bei den Spielern, Trainern und Betreuern der Jugend, das setzt sich im Lizenzspielerbereich fort und das umfasst auch alle Mitarbeiter im administrativen Bereich. Das gilt aber auch für alle Fans und Mitglieder: Ja, wir sind RWE! Und wir können mit breiter Brust auftreten, wenn wir gemeinsam agieren. Unser Saisonmotto war nicht umsonst so gewählt: Wir.Essen.Gemeinsam. Es sollte zum Ausdruck bringen, dass es nur gemeinsam zum Erfolg gehen kann. Ich glaube, vor der Saison haben das alle unterschrieben. Aber es ist leicht, von „Gemeinsamkeit“ zu sprechen, wenn man erfolgreich ist. Die Stärke zeigt sich erst, wenn man gemeinsam gegen Widrigkeiten kämpft. „You`ll never walk alone!“ singt sich einfach, wenn man gewinnt, zeigt sich aber vor allem dann, wenn der Wind von vorne kommt! Oder wie haben es Another Tale formuliert: „Der ganze Dreck wird vergessen und der Pott steht in Flammen, Rot-Weiss Essen, wir halten zusammen. Sieg oder Pleite, Regen oder Schnee, wir sind mit dabei: WIR SIND RWE!“
Und bei aller berechtigten Kritik an den Ergebnissen des Jahres 2015 und dem weit unter unseren Ansprüchen liegenden Tabellenplatz: Das habe ich in vielen Situationen vermisst! Der Support etwa während der Spiele war gut und meistens überzeugend, obwohl auch die Fanszene nach der Auflösung von UE im Umbruch ist und sich an vielen Stellen noch finden muss. Einigen im Stadion oder im Internet scheint es aber tatsächlich weniger um RWE zu gehen als um persönlichen Frustabbau oder persönlichen Geltungsdrang. Es ist richtig, dass man sich Gedanken macht, wenn es nicht gut läuft. Es ist wichtig, dass man Kritik äußert und Dinge in Frage stellt. Es ist berechtigt, wenn man sich Sorgen um seinen, um unseren Verein macht. So geht es allen, denen RWE am Herzen liegt, entsprechend auch den Gremienmitgliedern, den Mitarbeitern und den Partnern des Vereins. Doch bei RWE ist scheinbar das Vertrauen in die handelnden Personen einfach weniger stark ausgeprägt, handelnden Personen wird eher mit Misstrauensvorschuss als mit Vertrauensvorschuss begegnet. Hilfreich ist das allerdings nicht. Denn es ist doch selbstverständlich, dass alle handelnden Personen, angefangen bei der sportlichen Leitung über den Vorstand und den Aufsichtsrat bis hin zu allen Gremienmitgliedern sich über die aktuelle Einschätzung der sportlichen Situation einig sind. Und natürlich werden wir gemeinsam daran arbeiten, dass sich die Situation verbessert. Wir wollen etwas gemeinsam aufbauen: Mit und für RWE. Wiederholt ist zu betonen: Das heißt alles nicht, dass nicht auch Fehler bei uns passieren. Und das bedeutet nicht, dass man nicht auch uns und unser Handeln kritisieren soll. Kritik ist mehr als erwünscht, wir diskutieren in den Gremien sehr intensiv und auch kontrovers, wir stellen uns auch allen Gesprächen und Diskussionen mit Fans und Mitgliedern, sei es spontan oder geplant. Fragen in Foren oder von Fanzines, Fanabende in Melches-Hütte, gemeinsame Veranstaltungen mit der FFA: Wir sind und bleiben ansprechbar und freuen uns auf den Austausch. So war der unterjährige Mitgliederabend durchaus intensiv und kontrovers, aber aus unserer Sicht konstruktiv. Hier wäre zukünftig der geeignete Rahmen, sich auszutauschen, das sollte dann – auch von den „lautesten“ Kritikern genutzt werden, wenn sie wirklich etwas ändern wollen. Dabei wird man nicht immer komplett auf einen Nenner kommen können, manche Dinge werden sicherlich unterschiedlich bewertet, der Austausch hilft aber für ein gegenseitiges Verständnis, der Austausch sollte zudem helfen, uns immer wieder zu vergegenwärtigen, dass wir alle das Gleiche wollen: Das Beste für Rot-Weiss Essen. Wünschenswert bleibt aber, wenn man dies auch den Verantwortlichen eingesteht und ein größeres Vertrauen entgegenbringt.

Was aber bei aller Frustration und berechtigter Kritik komplett inakzeptabel bleibt, ist, wenn die eigenen Spieler angespuckt oder beworfen werden, wenn sie sich nach dem Spiel den Fans in der Kurve stellen wie etwa zuletzt beim Heimspiel gegen Kray, in Dortmund oder in Wiedenbrück. Durch solch ein Verhalten von einigen in der Kurve steigert sich dann der Frust bei anderen Fans über die Mannschaft, die eben Abstand zu solchen Personen hält und sich – aus meiner Sicht mehr als verständlich – eben nicht anspucken oder bewerfen lässt. Ganz deutlich: Hier sind nicht die Spieler in der Pflicht, sondern sind zunächst die Fans selbst gefordert, diejenigen zu isolieren, die jeden Respekt vermissen lassen und Grenzen überschreiten. Dass die Mannschaft dann kehrt macht auf dem Weg in die Kurve, nehmen andere dann zum Anlass, die Mannschaft erst recht zu beschimpfen und versuchen – wie in Wiedenbrück – gar einen Kabinensturm. Mal ernsthaft: Es gibt Grenzen und die wurden hier komplett überschritten. Und solch Fehlverhalten damit abzutun, dass „ja früher das noch viel schlimmer gewesen“ sei, ist mehr als fadenscheinig. Die Mannschaft hat „Arsch in der Hose“ und stellt sich jederzeit den Fans, ist jederzeit nicht nur gesprächsbereit sondern will den Austausch mit den Fans. Das haben wir uns zu Anfang der Saison ganz bewusst auf die Fahnen geschrieben und auch umgesetzt. In den meisten Fällen funktioniert das auch. Die Grenze ist aber dann überschritten, wenn es nicht bei verbalen Angriffen bleibt, sondern einige die Mannschaft bewerfen oder bespucken! Und wenn das auch noch passiert, wenn die Mannschaft nach gutem Spiel und gutem Kampf in der Nachspielzeit in Dortmund den für uns alle frustrierenden Gegentreffer hinnehmen muss, fehlt mir jedes Verständnis. Genau in diesen Situationen wäre es nicht nur wünschenswert sondern angemessen, wenn man die Mannschaft unterstützt. Man muss verbal und durch Pfiffe selbstverständlich zum Ausdruck bringen, dass man mit der Leistung unzufrieden ist, aber wenn wir sportlich Erfolg haben wollen, dann geht das sicherlich besser im Schulterschluss statt im Gegeneinander.
Auch hier ist es wichtig zu betonen: Es geht dabei nicht um den viel beschworenen „Druck“ oder was dafür gehalten wird. Der „Druck“ bei Rot-Weiss Essen ist immer „hoch“, das ist auch o.k. und hat mit unseren eigenen Ansprüchen zu tun. Es geht auch nicht darum, dass der „Druck“ durch Fans oder Medien zu hoch für die Spieler ist. Nicht die Fans oder einzelne Fans sind dafür verantwortlich, dass wir tabellarisch nicht da stehen, wo wir stehen wollen! Solcher „Druck“ ist mit Rot-Weiss Essen verbunden und damit muss man lernen, umzugehen. Aber: Gerade (vor allem junge) Spieler, die neu zu Rot-Weiss Essen kommen, müssen dies auch „lernen dürfen“. Manche können sich schneller anpassen, andere brauchen länger. Dass man den Unmut der Fans über einen Fehlpass bei RWE stärker spürt als an anderen Orten der Regionalliga, wo nicht so viele Fans sind, ist logisch. Genauso spürt man bei uns eben auch die Unterstützung stärker. Wünschenswert wäre nur hier, wenn nicht vorschnell und reflexhaft ab-geurteilt werden würde, sondern wenn man erkennt, dass es Spieler gibt, die hier Zeit benötigen. Beispiele gibt es in der Historie von RWE zur Genüge. So lange ein Spieler das Trikot von Rot-Weiss Essen überstreift, ist er einer von uns und soll dazu beitragen, dass sich der Verein positiv entwickelt. Wünschenswert wäre es, wenn alle akzeptieren, dass es miteinander besser geht als gegeneinander, dass alle eigentlich das identische Ziel verfolgen: sportlichen Erfolg!

Die Forderungen, die hier häufig begleitend geäußert werden, sind auch eher symptomatisch: „Alle raus!“. Man braucht scheinbar immer einen oder mehrere „Sündenböcke“, seien es einzelne Spieler auf die man sich im Stadion oder im Internet einschießt oder einzelne Verantwortliche, meist der Trainer. Es geht dabei nicht darum, Geduld zu fordern. Geduld zeigen RWE Fans schon viele, viele Jahre. Es geht aber darum, dass man nicht immer reflexartigen Aktionismus fordert, sondern die Situationen ganzheitlich betrachtet. So tragen etwa Andreas Winkler und Jan Siewert knapp 6 Monate die Verantwortung im sportlichen Bereich. Und ja: Die Tabellensituation ist nicht unseren Ansprüchen gemäß und auch einige Spieler sind hinter den (auch eigenen) Erwartungen zurückgeblieben. Dass ein Kevin Behrens nach noch nicht mal sechs Monaten den Verein schon wieder verlässt, war nicht zu erwarten. Natürlich haben wir uns die Zusammenarbeit anders vorgestellt, doch es gibt Situationen, wo es dann einfach nicht passt, da ist es dann auch für den Verein besser, dass man sich trennt. Denn kein Spieler ist wichtiger als der Verein, Spieler kommen und Spieler gehen, aber der Verein bleibt. So ist es auch bei Cebio Soukou nicht zu erwarten gewesen, dass er sportlich nach seiner Dopingsperre nicht in die Spur kommt wie erhofft. Wir haben Cebio sehr lange und oft unterstützt - nach seinen ersten Spielen für Rot-Weiss Essen hätten ihn die meisten gerne nie wieder für RWE spielen sehen. Wir haben erwartet und erhofft, dass Cebio uns diese Unterstützung mit Leistung zurückzahlt. Cebio hat eine andere Entscheidung gefällt, die man akzeptieren muss, auch wenn man die nicht immer gut findet. Aber hätten wir Cebio im Sommer gehen lassen, wäre der Aufschrei darüber in einer vergleichbaren Tabellensituation wie momentan ebenfalls (und zu Recht) groß gewesen.

Mit Blick auf unsere Aufgaben in 2016 gilt es, dass wir nur gemeinsam unsere Ziele erreichen. Dafür bedarf es Spieler, Fans, Mitarbeiter, die sich mit dem Verein und der Aufgabe zu 100% identifizieren, die bereit sind, für unsere Ziele alles zu geben. Auch daher wird es in 2016 wieder Spieler geben, die uns verlassen und andere, die zu uns stoßen. In der Rückserie 2015/16 gilt es, in die Spur zu kommen und Punkte zu sammeln. Wir wollen im Pokal erfolgreich sein, um auch in der Saison 2016/17 wieder am DFB-Pokal teilzunehmen um ein ebenso packendes Pokalspiel an der Hafenstraße zu erleben, wie in diesem Jahr – natürlich mit positivem Ausgang. Wir wollen – nach den großen Fortschritten der letzten Jahre – unsere Jugendarbeit weiter vorantreiben und die Verzahnung zwischen Jugend- und Seniorenbereich weiter forcieren, um in Zukunft noch mehr Essener Jungs auf dem Grün der Hafenstraße zu verfolgen.

Bei jedem dieser Vorhaben wird es Rückschläge geben. Wichtig ist, wie wir damit umgehen: Zerfleischen wir uns gegenseitig oder raufen wir uns zusammen und arbeiten gemeinsam daran, dass wir erfolgreich sind? Ja, 2015 war eine Riesenenttäuschung, aber („der ganze Dreck wird vergessen!“) wir haben es in unseren Händen, dass es ab 2016 besser wird.
Bei Another Tale heißt es: „Ich kenne Deinen Namen und ich kenne Dein Problem, will nicht nur davon träumen, mal ganz oben zu stehn!“ So geht es uns doch allen: Unser Anspruch muss sein, dass wir in den nächsten Jahren die Regionalliga in Richtung Liga 3 verlassen, wobei wir gut daran tun, einfach erstmal nur von Spiel zu Spiel zu denken und in jedes Spiel mit dem Anspruch gehen, gewinnen zu wollen. Und dass wir als Verein, dass alle Spieler, Trainer, Betreuer, Mitarbeiter, Fans, Partner und Mitglieder mit Herzblut zusammenstehen und gemeinsam alles für den Verein geben. Denn: WIR SIND RWE! Auf ein gutes Jahr 2016. Wir sehen uns spätestens am 8. Januar beim Angrillen an der Hafenstraße!

Michael Welling

P.S.: Ein weiterer Aspekt ist wichtig, da es im obigen Text aber vor allem um den Leistungsbereich von Rot-Weiss Essen ging, wäre es unstimmig gewesen, dies „mitabzuhandeln“. Denn eine besondere Bedeutung und Betonung hat bei uns die noch immer neue Abteilung „Spiel und Sport“ verdient. Unter der Abteilungsbezeichnung „Spiel und Sport“ haben wir im vergangenen Jahr diejenigen sportlichen Aktivitäten zusammengefasst, die nicht zum direkten Leistungsbereich zählen. Hier sind die „Alten Herren“ genauso zu nennen wie unser Integrationsprojekt „Team 3“, hier ist seit nunmehr knapp 1,5 Jahren aber auch unserer Frauen- und Mädchenbereich zu nennen. Und was hier mit großem Herzblut, mit großem Zusammenhalt in so kurzer Zeit auf die Beine gestellt wurde, ist mehr als beachtlich und verdient eine besondere Würdigung. Wir haben inzwischen zwei Senioren-Frauenmannschaften, die mit Erfolg am Spielbetrieb teilnehmen. Die erste Frauenmannschaft darf dabei aktuell vom Aufstieg träumen und wird von eine kleinen aber sehr, sehr leidenschaftlichen und kreativen Fanszene unterstützt. Daneben haben wir aber auch zwei sehr erfolgreiche U17-Mannschaften, eine U15-Mannschaft und bald eine U13-Mannschaft, die am Spielbetrieb teilnehmen. Diese Mannschaften trainieren auch an der Seumannstraße und das Zusammenrücken im Sinne des Vereins Rot-Weiss Essen klappt hier hervorragend. Daher gilt mein Dank explizit auch allen Verantwortlichen bei „Spiel und Sport“ für ihre Arbeit und ihren Einsatz. Wir sind sicher, dass wir hier in den nächsten Jahren weitere Erfolge feiern können, dass vor allem aber viele Frauen und Mädchen mit großer Freude Fußball bei RWE spielen werden! Danke dafür!!!