Otto Rehhagel – von Bergeborbeck zum Fußballolymp

Auf der Jahreshauptversammlung des Vereins ernannten die Mitglieder Otto Rehhagel einstimmig zum Ehrenmitglied. (Foto: Endberg)

Auf der Jahreshauptversammlung am vergangenen Sonntag ernannten die Mitglieder Otto Rehhagel einstimmig zum Ehrenmitglied von Rot-Weiss Essen. Sichtlich gerührt bedankte sich die Essener Trainerlegende und erklärte: „Egal, wo ich in meiner Karriere war, hier hatte ich immer meinen Anker." Und das seit 55 Jahren.

Georg Melches, der in den Goldenen Fünfziger Jahren von RWE systematisch eine Spitzenmannschaft aufgebaut hatte, gelang 1960 noch einmal die Verpflichtung eines Nachwuchstalentes, das es in seiner weiteren Karriere bis auf den Fußballolymp schaffen sollte. Für eine Ablösesumme von 3.300 DM wechselte der 21jährige Amateurnationalspieler Otto Rehhagel von TuS Helene zu Rot-Weiss Essen. Seinen Lebensunterhalt hatte der junge Verteidiger bisher als Maler und Anstreicher auf der Zeche Helene verdient. Jetzt sollte er für 540,-DM im Monat bei der Essener Coca-Cola-Niederlassung pinseln. Als Vertragsspieler erhielt er eine Entschädigung von 160,- DM, dazu gab es zum Einstand einen VW-Käfer.
Der Nachfolger des ehemaligen Meistermannschaftsspielers Willi Köchling debütierte am 14. August 1960 beim 3:0-Sieg gegen Preußen Münster im rot-weissen Dress. Die Sportpresse bescheinigte ihm eine solide und gute Leistung. In den drei Spielzeiten bei RWE nahm Abwehrspezialist Otto Rehhagel an allen 90 Meisterschaftsspielen teil und erzielte drei Tore.

Den Abstieg aus der Oberliga West in seinem ersten Jahr als Vertragsspieler konnte er aber nicht verhindern. RWE stellte in der Spielzeit 1960/61 zwar die viertbeste Abwehr, erzielte mit nur 32 Treffern zugleich aber die schwächste Torbilanz und stieg als Tabellenfünfzehnter am Ende der Saison 1960/61 aus der Oberliga West ab. Der rot-weisse Sturm war in zwölf Spielen ohne Torerfolg geblieben.

Otto Rehhagel blieb der Hafenstraße noch weitere zwei Jahre treu. Und das hatte einen ganz einfachen Grund: „RWE hat mir die Möglichkeit gegeben, mich als Profi und Mensch zu entwickeln. Hier spielte ich mit den Idolen meiner Jugend Penny Islacker, Fritz Herkenrath, Heinz Wewers und Willi Vordenbäumen in einer Mannschaft. RWE war für mich der Startschuss zu meiner langen Karriere als Fußballer und Trainer.“

Und auch für die erste Begegnung mit seiner Frau Beate stand der RWE indirekt Pate: „Ein Fan von Rot-Weiss Essen bat mich: `Otto, fahr mich zur Gruga-Eisbahn.´ Ich konnte überhaupt kein Schlittschuh fahren. `Probier es doch auch einmal´, forderte er mich auf. Ich sagte, dass ich kein Schlittschuh fahren könne. Da rief er ein junges Mädchen mit den Worten: `Beate, komm mal her, der junge Mann will mal Schlittschuh fahren.´ Und sie hat mich an die Hand genommen und bis heute nicht mehr losgelassen.“

Trotz dieser Verbundenheit zu Rot-Weiss Essen wollte er natürlich auf Dauer nicht in den Niederungen der 2. Liga West spielen. Vor seiner dritten Spielzeit garantierte ihm der Verein die Freigabe mit Ablauf der Saison 1962/63. Der Start der Fußballbundesliga warf seine Schatten voraus. Im Juni 1963 unterschrieb Otto Rehhagel einen Vertrag in Berlin und wechselte für eine Ablösesumme von 10.000 DM von der Ruhrgebietsmetropole in die Weltstadt mit Insellage. Bis 1972 spielte das Kind des Ruhrgebietes in 201 Spielen für Hertha BSC Berlin und den 1. FC Kaiserslautern und erzielte dabei insgesamt 22 Tore. Als Trainer arbeitete er anschließend unter anderem für Borussia Dortmund, Fortuna Düsseldorf, Werder Bremen, Bayern München und den 1. FC Kaiserslautern. Neben seinen verschiedenen Titeln mit Bremen führte er die Pfälzer 1997 zurück in die Bundesliga und holte 1998 erstmals mit einem Aufsteiger direkt die deutsche Meisterschaft. Seinen größten Triumph feierte „König Otto“ aber bei der Europameisterschaft 2004 in Portugal als Nationaltrainer von Griechenland. Mit dem EM-Außenseiter gewann er den Titel und wurde von der Presse zum „Ottokrates Rehhakles“ ernannt.

Die Verbundenheit mit seiner Heimatstadt hat das Bergarbeiterkind nie verloren. Mit seinem Engagement als Nationaltrainer Griechenlands verlegte der Meistertrainer seinen Wohnort wieder nach Essen und besuchte seitdem auch immer wieder Spiele im Georg-Melches Stadion und im heutigen Stadion Essen. Und so hat er natürlich auch die Turbulenzen des letzten Jahres mitbekommen.

Dem neuen Trainerteam Jan Siewert/Stefan Lorenz gab der alte Meistertrainer daher die Empfehlung: „Setzt Euch durch!“ Und lasst euch bei allen Diskussionen nicht verwirren. Ich habe es immer so gehalten: Jeder konnte sagen, was ich wollte.“

Zu den vermeintlich immer neuen taktischen Ausrichtungen meinte das neue Ehrenmitglied: „Das Spiel und die Taktik haben immer noch eine ganz einfache Grundlage. Wir wollen ein Tor schießen, haben aber nicht den Ball, und der Gegner gibt ihn uns auch nicht freiwillig. Also müssen wir alles daran setzen, ihn zu bekommen.“

Ein besonderer Dorn im Auge ist dem Europameister-Trainer von 2004 die neu kreierten Modewörter in der Fußballersprache. „Was nützt mir ein diametral abkippender 6er, wenn er nicht mit dem linken Fuß schießen kann?“

Dass die alte Weisheit „Entscheidend ist auf dem Platz“ immer noch gilt, machte Otto Rehhagel mit dem Satz deutlich; „Am Laptop wird kein Spiel gewonnen.“ Ein Seitenhieb auf alle Theoretiker, die glauben, Fußball verwissenschaftlichen zu müssen, und die er gerne als „Laptop-Trainer“ bezeichnet. Die jüngsten Relegationsspiele zeigten dagegen mal wieder, wie viele andere Faktoren und das berühmte Quäntchen Glück, die eben nicht am Laptop zu planen sind, oft eine entscheidende Rolle spielen.

Jan Siewert nahm diesen Ball bei seiner Antrittsrede auf und erklärte: „Unsere Philosophie von Hafenstraße Fußball, heißt: Wir stehen kompakt. Wir sind ein Team. Wer aggressiv verteidigt, greift auch besser an. Und das nötige Quäntchen Glück brauchst du auch. Ich möchte, dass es den Spielern in Fleisch und Blut übergeht, was es heißt für Rot-Weiss Essen zu spielen.“

Was Kontinuität bedeutet, schrieb das neue Ehrenmitglied seinem RWE abschließend ins Stammbuch, als er das Geheimnis seiner über 50jährigen Ehe verriet: „Beate wollte sich mal mit mir streiten. Ich habe gesagt: Beate, alles unwichtig. Nur eins ist wichtig, der Ball muss ins Tor, dann geht es uns beiden gut.“

Text: Georg Schrepper