Strukturprobleme endlich lösen!

Widersprüche zu und in den Ausführungen von DFB-Vizepräsident Dr. Rainer Koch – ein offener Brief als Diskussionsgrundlage

Prof. Dr. Michael Welling wendet sich in einem offenen Brief an DFB-Vizepräsident Dr. Rainer Koch. (Foto: RWE)

Sehr geehrter Herr DFB-Vizepräsident, lieber Herr Dr. Koch,

wie Sie aus dem einen oder anderen Kontakt zwischen uns wissen, vertrete ich insbesondere mit Blick auf die Bewertung der aktuellen Ligastruktur eine andere Meinung als Sie. Dies natürlich auch, weil ich als Club-Verantwortlicher - hier eines von Ihnen angesprochenen Traditionsclubs, der sich in der Regionalliga nicht heimisch fühlen will - eine andere Perspektive einnehme. In den letzten Jahren habe ich mich als Vertreter von Rot-Weiss Essen daher in unterschiedlicher Form in die Diskussion eingebracht. Da die Diskussion insgesamt aus meiner persönlichen Sicht aber zu wenig mit den (betroffenen) Vereinen sondern vor allem verbandsintern geführt wird, dabei häufig – zumal öffentlich und medial – oft pauschal formuliert wird, dass die Mehrheit der Vereine ja mit der Struktur doch irgendwie zufrieden seien oder der Eindruck entsteht, dass die Vereine ihren Unmut nicht äußern, oder dass eben eine Diskussion gar nicht geführt wird, habe ich schon länger überlegt, mich einmal mit einem offenen Brief an die Funktionäre des DFB und seiner Regional- und Landesverbände sowie die Vertreter der DFL bzw. dessen Clubs bzw. die interessierte Fan- und Medienöffentlichkeit zu wenden.

Aus unterschiedlichen Gründen habe ich mich hier zurückgehalten, auch weil ich noch immer hoffe, dass eine lösungsorientierte Diskussion innerhalb der Verbände stattfindet. Nach den am 30.03.2017 im DPA-Interview von Ihnen wiederholt geäußerten Ausführungen halte ich es nun aber für angemessen, einmal öffentlich zu reagieren. Ich reagiere auf Ihr Interview und Ihre Aussagen, bitte sehen Sie dies aber vor allem als Stilmittel an. Sie spreche ich stellvertretend als Vertreter des Verbandes an, wo sie als 1. Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes für den Amateurfußball und damit auch für die Regionalligen zuständig sind. Ich spreche Sie zudem als Präsident des Bayrischen Fußballverbandes an, in dessen Verantwortungsbereich die Regionalliga Bayern fällt.

Dabei hoffe ich, dass die unmittelbare zeitliche Nähe zur Veröffentlichung Ihres Interviews sowie unseres Spiels gegen Alemannia Aachen eine entsprechende Aufmerksamkeit erzielt, damit die Diskussion um die – aus nicht nur meiner Sicht – notwendige Strukturreform im deutschen Fußball konstruktiv intensiviert wird. Ich habe ehrlicherweise mit dem offenen Brief auch gezögert, weil man sehr leicht und überzeugend argumentieren kann, dass die aktuelle Ligastruktur und Aufstiegsregelung für Rot-Weiss Essen irrelevant sei, weil wir es sportlich nicht in die Nähe der Relegationsplätze schaffen. Ich habe auch gezögert, weil ich hoffe, dass sich andere Vereinsvertreter prominenter in die Diskussion einbringen – was teilweise erfolgt ist, aber leider unerhört blieb (ich erinnere an die Protestaktion der Sportfreunde Lotte aus der letzten Saison). Ich habe auch gezögert, weil man aufpassen will, nicht zu „unbequem“ zu sein, weil man als Verein innerhalb einer Ligastruktur stets auch in Abhängigkeiten zueinander steht. Ich habe mich aber dennoch zu diesem offenen Brief entschieden, weil ich hoffe, dass dadurch die Diskussion neu und konstruktiv entfacht wird, dass dadurch auch in den Medien manche von Ihnen vertretenen Perspektiven stärker hinterfragt werden. Ich habe mich aber eben auch zu diesem Brief entschieden, weil der Aufhänger die (wiederholte) Insolvenz von Alemannia Aachen war und wir als Rot-Weiss Essen nicht nur einer derjenigen Vereine sind, die den schmerzhaften Gang in die Insolvenz selbst gehen mussten, sondern auch einer derjenigen Vereine sind, die Sie in dem o.g. Interview ansprechen und die sich mit der Regionalliga als Spielklasse nicht anfreunden können.

Für die Strukturierung meiner Antwort möchte ich mich auf einzelne Aussagen von Ihnen beziehen und diesen jeweils meine eigene Perspektive gegenüberstellen. Eine Art „Ko-Referat“ also, wenn wir auf einer gemeinsamen Veranstaltung offen diskutieren würden.

(DPA-Interview vom 30.03.2017): Herr Koch, in den Regionalligen haben einige Vereine finanzielle Probleme, Alemannia Aachen hat sogar Insolvenz angemeldet. Viele von ihnen sehen das System der 4. Liga als Grund für ihre Sorgen. Haben sie Recht?
Rainer Koch: „Wenn ein Verein finanzielle Probleme hat, liegt es unabhängig von der Liga vorrangig fast immer daran, dass er planmäßig mehr Geld ausgibt als er einnimmt.“

Genau an dieser Stelle besteht grundlegend komplette Einigkeit zwischen uns. Ich betone ausdrücklich zuerst, dass es in der Verantwortung der Vereinsverantwortlichen liegt, finanzielle Probleme erst nicht aufkommen zu lassen bzw. dann so zu lösen, dass ein Gang in die Insolvenz vermieden wird. Niemand kann und wird den Verbänden oder/und der Ligastruktur selbst hierfür die grundlegende Verantwortung geben. Hier gibt es und darf es keinen Widerspruch geben.

(DPA-Interview vom 30.03.2017): Koch: „Die vierte Liga ist allenfalls eine Halbprofi-Liga, für nicht wenige Vereine sogar nur die oberste Amateurfußballliga. Und wer sich dort Vollprofitum leistet, kann nicht erwarten, dass ihm das andere finanzieren. Das kann auf Dauer nicht gut gehen."

Die Aussage, wonach Vereine, die in der Regionalliga unter (Voll-)Profibedingungen arbeiten, nicht erwarten können, „dass ihm das andere finanzieren“ ist allerdings eine Sichtweise, die schon sehr merkwürdig ist und suggeriert, als sei dies tatsächlich so. Ich finde weder in Äußerungen noch im Verhalten von Vereinsvertretern Hinweise, die eine solche Sicht rechtfertigen. In der durchaus notwendigen Diskussion ist eine solche Aussage auch wenig hilfreich und zielführend. Genauso wenig fundiert ist auch die Feststellung: „die vierte Liga ist allenfalls eine Halbprofi-Liga“ – denn wer definiert dies denn? Steht das in den Durchführungsbestimmungen der Verbände? Nach meiner Kenntnis ist eine solche Aussage schlicht Unsinn, da die Entscheidung über die Einführung von (Voll-)Profitum nichts mit der Liga selbst zu tun hat, sondern mit den Zielen und finanziellen Möglichkeiten der Vereine. Gehen Sie tatsächlich davon aus, dass die reine Ligazugehörigkeit definiert, wie Vereine arbeiten? Spielen nicht vielleicht doch Dinge wie Fanaufkommen auch eine Rolle? Gerade mit Blick auf die infrastrukturellen Notwendigkeiten durch das Fanaufkommen ist es für einige Vereine gar nicht machbar, unter „Halb-Profi-Bedingungen“ zu agieren. Zudem sind es doch gerade die Anforderungen der Verbände, die dazu führen, dass die Vereine sich mehr und mehr professionalisieren. Diese „Professionalisierung“ ist doch häufig Voraussetzung dafür, überhaupt an der jeweiligen Liga teilzunehmen, einen Aufstieg anzustreben. Sie verkehren hier die Voraussetzungen. Und wollen Sie etwa tatsächlich Glauben machen, dass die Spieler der U-Mannschaften unter „Halbprofi-Bedingungen“ agieren? Zur Wahrheit gehört es eben auch, dass die Nachwuchsmannschaften der Bundesligaklubs – wohl auch gerne – in der Regionalliga spielen und einige Bundesligaklubs auch im Sinne einer optimalen Talentförderung den Aufstieg in Liga 3 anstreben. Eine Abkehr von Profibedingungen würde so dazu führen, dass vor allem die U-Mannschaften sportliche Ambitionen leben können – eine Vorstellung, die dann wohl kaum den Bundesligaclubs zu vermitteln wäre und der Talentförderung widersprechen würde. Die Zweiteilung in einen reinen „Amateurbereich“ und einen reinen „Profibereich“ würde so nur weiter manifestiert werden – wie ginge das Einher mit der in der Satzung des DFB verankerten Verantwortung des DFB, dem Amateurbereich „eine faire Chance (zu) geben, sich innerhalb der Ligastruktur entwickeln zu können.“? Weiter heißt es dort doch genau: „Dies kann nur funktionieren, wenn die unterschiedlichen Leistungsklassen aufeinander aufbauen.“

Von der Regionalliga als „Halbprofi-Liga“ zu sprechen ist also schlicht Unsinn und verstellt den Blick auf die Realitäten. Man hat leider hier den Eindruck, als soll die Wortwahl die eigentlichen Probleme verbergen helfen.

Dass allerdings die Vermutung, wonach die Ligastruktur einen Einfluss auf die wirtschaftlichen Möglichkeiten und somit den auch finanziellen Problemen von Vereinen haben kann, nicht komplett ausgeschlossen ist, haben Sie selbst wieder im aktuellen Interview offenbart, hatten Sie aber bereits vor knapp einem Jahr in einem Reviersport Interview ausgeführt:

(Reviersport-Interview vom 25.05.2016) Rainer Koch: „Amateur-Spitzenfußball muss bezahlbar und für die Vereinsführungen verantwortbar sein. Das war in einer dreigleisigen Regionalliga nicht machbar, wo reihenweise Klubs in die Insolvenz gegangen sind.“


Gerade vor dem Hintergrund dieser Aussage stellt man sich die Frage: Was denn nun? Man fragt sich, warum noch vor einem Jahr die (alte) Ligastruktur verantwortlich war, dass „reihenweise Klubs in die Insolvenz gegangen sind“, dies heute aber nach Ihrer Wahrnehmung nicht mehr gilt. Auch heute kann die Ligastruktur einen Einfluss haben, der sehr offenkundig wird, wenn man sich mit dem Thema etwas intensiver beschäftigt. Wenig zielführend sind aus meiner Sicht dann ihre Erklärungsversuche, vielmehr sind diese aus meiner Sicht unlogisch bzw. zeugen davon, dass Sie sich mit den Realitäten vieler (Regionalliga-)Vereine noch nicht intensiv genug auseinander gesetzt haben und sie sonst vielleicht zu anderen Schlussfolgerungen kommen würden. Sie führen aus:


(DPA-Interview vom 30.03.2017): Rainer Koch: „Wenn es am System der Regionalliga liegen würde, hätten vor allem die Vereine Probleme, die einen geringen Etat haben. In Wahrheit sind es aber fast immer die Vereine mit dem höchsten Etat. In den Regionalligen Nord, Nordost und Bayern, wo die Etats im Durchschnitt am niedrigsten sind, haben viel weniger Vereine wirtschaftliche Probleme als in der dichter besiedelten Westhälfte Deutschlands, wo die Zuschauerzahlen und damit auch die Budgets naturgemäß höher sind.

Lassen Sie mich an dieser Stelle einen anderen Erklärungsansatz anbieten: Die wirtschaftlichen Probleme der Vereine im Westen (und Süd-Westen) – wenn es denn so stimmt, dass die größer sind als die der Vereine im Norden, Nordosten und Bayern – haben aus meiner Sicht zwei Ursachen: (a) Zum einen ist die Wettbewerbsintensität größer und intensiver. Nicht nur zwischen den Vereinen der Regionalliga selbst, wo es im Vergleich zu den anderen Regionalligen (mit Ausnahme des Süd-Westens) schlicht deutlich mehr Vereine gibt, die aufgrund der eigenen Struktur und des eigenen Fanzuspruchs höhere sportliche Ambitionen haben. Dies gilt sowohl wenn man die U-Mannschaften ausklammert aber eben auch wenn man diese in die Betrachtung einbezieht. Auch die Wettbewerbssituation mit Vereinen einer höheren Spielklasse ist – zumindest gefühlt – größer. (b) Zum zweiten ist zu betonen, dass das (wirtschaftliche) Management eines Fußballvereins (gerade mit Ambitionen) aber vor allem ein aktives Risikomanagement darstellt. Die Einnahmen sind schlicht vor einer Saison nicht valide planbar, weil diese - hier vor allem der Zuschauerzuspruch und die Sponsoringeinnahmen - zu einem großen Teil von der sportlichen Situation, eben dem sportlichen (Miss-)Erfolg beeinflusst werden und vom sog. Spannungsgrad der Liga abhängig ist. Der Zuschauerzuspruch wird geringer, wenn es – eben aufgrund der Ligastruktur – für viele Vereine schon zur Saisonmitte sportlich um nichts mehr geht, weil die „Belohnungsstruktur“ der Liga, hier die „Aufstiegsplätze“, gering sind. Dies ist aber eben genau ein Problem der aktuellen Regionalligastruktur: Wo es in der 1. Liga durch die  Möglichkeiten zur Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb mindestens 6 Belohnungsplätze (=33%) gibt, gibt es in der 2. Liga mit den zwei direkten Aufstiegsplätzen und dem Relegationsplatz immerhin noch 16,6% Belohnungsplätze und in Liga 3 bei 20 Startern deren 15%. In der Regionalliga gibt es allerdings für die über 90 teilnehmenden Mannschaften ganze 3 Aufstiegsplätze (3,3%). Allein an diesen Zahlen sieht man die Unwucht und Heterogenität des Systems. Der für geringere Zuschauerzahlen ausschlaggebende Spannungsabfall ist systemimmanent. Dass nun also diejenigen Vereine mit einem hohen Zuschauer- und Sponsorenzuspruch besonders betroffen sind, ist logisch: Die Risiken des Einnahmerückganges und vor allem der Effekt des Einnahmerückganges sind entsprechend größer. Dies hat also nach meinem Dafürhalten nichts mit einem klassischen Fehlmanagement der entsprechenden Vereine zu tun, sondern findet seine Ursachen auch im Ligasystem. Es macht eben genau an dieser Stelle einen sehr großen Unterschied, ob es sich um „Mäzenaten-Vereine“ handelt, die sich nicht aus dem Spielbetrieb und dem operativen Geschäft selbst finanzieren müssen, sondern durch einen oder wenige Gönner alimentiert sind und deren Zuwendungen unabhängig vom Zuschauerzuspruch gesichert sind. Oder ob es sich um U-Mannschaften handelt, die durch die DFL-Clubs selbst alimentiert sind und die daher weder auf Zuschauereinnahmen noch auf Sponsoringeinnahmen angewiesen sind, sondern reine „Cost-Center“ darstellen. Man erkennt genau hier, dass sich die Wettbewerbssituationen und die „Geschäftsmodelle“ der Clubs dramatisch unterscheiden. Die tatsächlichen finanziellen Probleme haben natürlich nur diejenigen Vereine, die eben den Spielbetrieb operativ finanzieren und realisieren müssen – nicht Clubs von Mäzenaten oder U-Mannschaften der Bundesliga-Vereine.


(DPA-Interview vom 30.03.2017): Also haben sich die betreffenden Vereine in Ihren Augen schlichtweg übernommen?
Koch: Diese Schlussfolgerung erscheint naheliegend. Alemannia Aachen hat mit den höchsten Zuschauerschnitt aller Regionalligisten. Wenn ich mit mehr als 6500 Zuschauern pro Spiel nicht auskomme, kann es nicht an der Regionalliga als solcher liegen, wenn andererseits viele Vereine mit 1000 Zuschauern im Schnitt auskommen können.


Auch dieser Hinweis verstellt meines Erachtens den Blick auf die Realitäten. Entgegen der Vereine der ersten drei Profiligen, deren Budgets maßgeblich durch die – vor der Saison zu großen Teilen sicheren (sic!) – TV-Erlöse bestimmt sind, sind auch in der Regionalliga nicht die Zuschauereinnahmen sondern die Sponsoren- oder Mäzenatengelder ausschlaggebend für die Gesamthöhe des Etats. Der Hinweis darauf, dass viele Vereine mit 1.000 Zuschauern „auskommen können“, während andere mit mehr Zuschauern dies vermeintlich nicht schaffen, verzerrt die Realität. Neben den oben genannten Risikoeffekten sind die Etats vieler Vereine mit wenigen Zuschauern eben gar nicht von den Zuschauern abhängig. Zudem wird bei einer solchen Betrachtung verkannt, dass die Zuschauermengen auch Konsequenzen haben: So bin ich – ohne die validen Zahlen aller Vereine natürlich zu kennen – sehr sicher, dass allein die Sicherheitskosten bei etwa Rot-Weiss Essen, Alemannia Aachen, Waldhof Mannheim oder Kickers Offenbach bei einem Spiel so hoch sind, wie die Saisonsicherheitskosten bei vielen Teilnehmern der Liga in einer ganzen Saison. Durch den Fanzuspruch – für den wir das Fußballspielen in der Form im Übrigen ja machen – erhöhen sich auch die administrativen Notwendigkeiten, d.h. die Bereitstellung von Personal. Und, ja, auch dieser Fanzuspruch führt dazu, dass diese Vereine andere Ansprüche haben als diejenigen Vereine, für die die Regionalliga tatsächlich die „Champions League der Amateure“ darstellt.


(DPA-Interview vom 30.03.2017): Das Problem der Regionalliga ist aber, dass viele Vereine einfach nur aus ihr rauswollen.
Koch: „Richtig, bei manchen Vereinen ist es offenkundig, dass sie nichts mit der Regionalliga zu tun haben wollen. Nur: Genau deshalb können die Wünsche dieser Vereine nicht alleine maßgeblich für den Zuschnitt der Regionalligen sein. Die Regionalliga ist eben auch für viel mehr Vereine die höchste machbare Amateurspielklasse, die Champions League der Amateure. Ihre Wünsche gilt es bei der Gestaltung der Ligastruktur genauso zu respektieren.“

Für einige Vereine ist die Regionalliga vielleicht ein Sehnsuchtsziel, vielleicht das größte, was sie erreichen können und wollen. Die Realität ist aber eben auch: Für viele Vereine mit Fanzuspruch und Tradition ist die Regionalliga eben die „Bretterklasse“, ist die Regionalliga eben eine Spielklasse, mit der man sich nicht zufrieden geben will und kann. Daher haben Vereine (sportliche) Ambitionen – ehrlicherweise bin ich sehr froh darüber, dass es auch in der Regionalliga Vereine gibt, die den sportlichen Aufstieg anstreben und es nicht als selbstverständlich erachten, sich mit der Liga anzufreunden. Dies widerspricht dem Sportgedanken doch völlig. Die Liga daher als „Champions League der Amateure“ zu titulieren, trägt eben dem eigentlich im Mittelpunkt stehenden Sportgedanken doch überhaupt nicht Rechnung. Dies ist doch ein Euphemismus, den viele – zumindest ich persönlich und viele Fans von Rot-Weiss Essen – als Hohn empfinden. Gerade wenn Sie – durchaus zu Recht – ausführen, dass die Wünsche von einigen Vereinen nicht maßgeblich für den Zuschnitt der Regionalliga sein können, dass eben auch die Wünsche der Amateurvereine zu berücksichtigen sind, dann gilt doch eben umgekehrt genauso: Auch die Wünsche und Notwendigkeiten anders strukturierter Vereine sind zu berücksichtigen. Es kann eben genauso wenig sein, dass die Wünsche von Vereinen, für die die Regionalliga „die höchste machbare Amateurspielklasse, die Champions League der Amateure“ ist, maßgeblich sind. Natürlich sind eben die Bedürfnisse von allen Vereinen zu berücksichtigen, daher ist die Heterogenität der Regionalliga in der heutigen Form auch eines der Hauptprobleme. Es gilt aus der Sicht vieler, dass die Ligastruktur die Heterogenität der Vereine berücksichtigen muss. Es geht darum, eine gute, für viele akzeptable Lösung zu finden, nicht den schlechtesten gemeinsamen Nenner.

Der Heterogenität der Teilnehmer trägt die Ligastruktur in der momentanen Form aber eben nicht Rechnung. Der Übergang von der eingleisigen Liga 3 mit 20 Vereinen bzw. der gesamten ersten Ligen, in denen sich insgesamt 56 Vereine in drei eingleisigen Ligen wiederfinden, zur Regionalliga mit über 90 Vereinen in einer fünfgliedrigen Struktur ist dabei ausschlaggebend. Auf der Ebene der Regionalliga tummeln sich momentan Vereine, für die die Liga möglicherweise in der Tat die „Champions League des Amateurfußballs“ ist und die nur mit Mühe die – eben auch durch die zuschauerträchtigen Vereine induzierten – Infrastrukturvorgaben erfüllen können. Vereine, die sich sportlich qualifizieren und denen man daher den Aufstieg auch ermöglichen muss. Denn „Meister müssen aufsteigen“ ist auch zu erweitern zu „Meister müssen aufsteigen können“. Wir sprechen also von eigentlich klassischen Amateurvereinen die durch gute Arbeit mit viel Ehrenamtlichkeit das „Abenteuer Regionalliga“ wagen. Daneben spielen auch die U-Mannschaften der Profi-Klubs in der Liga, die wirtschaftlich alimentiert in dieser Liga jenseits betriebswirtschaftlicher Notwendigkeiten agieren (können) und Spieleretats haben, die weit über den Etats aller anderen Mannschaften liegen. Für diese Vereine und deren Spieler ist die Liga aber keine „Champions League“ sondern eine „Nachwuchsrunde unter Wettkampfbedingungen“ jenseits der öffentlichen Wahrnehmung. Für die Bundesliga-Clubs geht es darum, die Talente auf möglichst hohem Niveau auszubilden, weshalb sich die Talente auch im Seniorenfußball gegen ältere und – teils – körperlich robustere Spieler beweisen sollen. Gerade die Spiele gegen die Klubs mit relevantem Zuschauerzuspruch bringen noch eine andere Ausbildungskomponente mit sich: Dass sich die Spieler vor Zuschauern beweisen können. Ansonsten finden die Duelle der U-Mannschaften – auch aufgrund von Sicherheitsvorgaben – ja auch gerne mal unter der Woche um 14.00 Uhr statt. Man erkennt die Unwucht auf den ersten Blick und stelle sich vor, wie der Protest wäre, wenn die Zuschauereinnahmen tatsächlich relevant wären. Es ist verständlich, dass die Ausbildung der jungen Talente in einer Meisterrunde im Seniorenfußball für die Talententwicklung förderlich ist, dass die anderen Klubs, die Nicht-U-Mannschaften, die Ausbildung der Talente ermöglichen sollen. Und es spielen schließlich ambitionierte (Traditions-)Vereine mit relevantem Zuschauerzuspruch in der Liga, für die die Liga einer „Strafliga für vorherige Fehlentscheidungen“ gleichkommt und die von den Fans als solche auch wahrgenommen wird.

(DPA-Interview vom 30.03.2017): Gibt es denn in Ihren Augen ein grundsätzliches Strukturproblem? Vor allem die Tatsache, dass die Regionalliga-Meister nicht automatisch aufsteigen, wird immer wieder kritisiert.
Koch: „Auch ich finde das nicht optimal. Das Strukturproblem besteht allerdings darin, dass wir oberhalb der Regionalligen keinen Pyramidenaufbau mehr haben, weil es keine zweigleisige 3. Liga gibt. Hätten wir die, könnten alle Regionalliga-Meister aufsteigen. Aber es gibt sehr gute sportliche und wirtschaftliche Gründe für die eingleisige 3. Liga. Deshalb müssen wir leider bis auf weiteres mit der Relegation für die fünf Regionalliga-Meister und den Südwest-Zweiten leben. Das ist beileibe nicht ideal, aber eine bessere und vor allem mehrheitsfähige Alternative wurde bislang noch von niemandem vorgeschlagen. Eine Rückkehr zur dreigleisigen Regionalliga kommt nicht in Betracht, denn sie wurde abgeschafft, weil viele vor allem kleine und mittlere Vereine pleitegegangen oder vor wirtschaftlich unlösbare Probleme gestellt worden sind. Über das Modell, wie man aus sechs Qualifizierten bestmöglich drei Aufsteiger macht, kann und sollte man hingegen weiter diskutieren.“

Lieber Herr Dr. Koch, ich stimme Ihnen zu, dass es ein offenkundiges Strukturproblem gibt, dass eben der pyramidiale Aufbau des Ligasystems insgesamt genau im Übergang von Liga 3 auf die Regionalligen einen Bruch hat, der ausschlaggebend für die Probleme ist. Ich teile aber ihre Schlussfolgerungen nicht, wonach es nicht „besser“ geht und finde es sogar irreführend, hier darauf zu verweisen, dass es „oberhalb“ (!!!) der Regionalliga keinen Pyramidenaufbau gibt, weil es keine zweigleisige 3. Liga gibt. Der Pyramidenaufbau hat sich auf die Gesamtheit der Ligen zu beziehen, ist in seiner Gesamtheit zu betrachten. Denn „besser“ ginge es m.E. schon, vor allem muss dem sportmoralischen Prinzip, „Meister müssen aufsteigen“, genüge getan werden. Hierzu gibt es übrigens nicht nur beachtliche Fanpetitionen sondern gibt es auch viele Vereine, die das fordern. Die Vertreter der Regionalliga-West haben diese Forderung auf einer Tagung in Essen bereits vor Jahren sogar einstimmig formuliert. Das Protokoll der Sitzung liegt den Verbandsvertretern vor. Im Interview mit dem Reviersport am 25.05.2016 hatten sie geäußert: „Die Ligastruktur wird von der überragenden Mehrheit der Regionalliga-Vereine befürwortet.“ Mein Eindruck ist, dass schon damals das tatsächliche Meinungsbild der Regionalliga-Vereine ein anderes war – zumindest war dies im Westen der Fall. Inzwischen liegen Ihnen aber sicherlich die Ergebnisse der vom DFB/den Regionalligen selbst in Auftrag gegebenen Studie vor, wonach eben der überwiegende Teil der Vereine die aktuelle Ligastruktur als problematisch einschätzt und dieser Struktur sogar ablehnend gegenüber steht – sogar die Vereine der Regionalliga Bayern. Mich wundert ehrlichweise bis heute, dass über die Ergebnisse, insb. die Unzufriedenheit mit der Struktur, verbandsseitig noch nicht offen kommuniziert wurde.

Sie lehnen zudem die Rückkehr zum dreigliedrigen System ab, „weil viele vor allem kleine und mittlere Vereine pleitegegangen oder vor wirtschaftlich unlösbare Probleme gestellt worden sind.“ Ich hoffe, Sie sehen den Widerspruch zu den eigenen Aussagen im Kontext der Insolvenz von Alemannia Aachen. Das dreigliedrige System würde dem sportmoralischen Prinzip allerdings Rechnung tragen, die Verantwortung für die Finanzen bliebe – wie bislang auch – natürlich bei den Vereinen. Die Heterogenität wäre geringer, mehr „Belohnungsplätze“ wären prozentual vorhanden. Aber es gibt weitere Modelle, die ebenfalls bereits vorgeschlagen wurden. Es ist nämlich nicht so, wie Sie noch bei der Diskussion des Kickers (20.03.2017) ausgeführt haben: „Niemand führt die Diskussion, wie es besser zu machen ist.“ Auch das ist falsch. Gemeinsam mit Vertretern von Alemannia Aachen, Viktoria Köln, Rot-Weiß Oberhausen und eben Rot-Weiss Essen wurde diese Diskussion zumindest im Westen angestoßen, die auch von anderen Vereinsvertretern in anderen Regionalverbänden aufgegriffen wurde. Es gibt eine Präsentation zu diesem Thema, die wir hier als Download zur Nutzung in der weiteren Diskussion gerne beifügen, die innerhalb der Vereine (und wohl auch Verbände) kursiert, wo auf der Basis von Bewertungskriterien die unterschiedlichen Modelle verglichen wurden.

Sie selbst rekurrieren bei Ihren Ausführungen auf eine zweigleisige Dritte Liga, die das Problem des pyramidialen Aufbaus lösen würde. Aber Sie wissen selbst, dass eine Rückkehr in ein solches System kaum möglich ist, weil dadurch die Teilnehmer der 3. Liga geringere Einnahmen hätten, da die angesprochenen TV-Erlöse auf mehr Vereine verteilt werden würden. Dass ein solches Modell keine Aussicht auf eine Mehrheit hat, verwundert also nicht, weil kein Klub der 3. Liga dem zustimmen kann – wenn man dann lediglich die Alternativen „Status Quo“ und „Zweiteilung 3. Liga“ gegenüber stellt, wird eine Lösung immer am Widerstand einer anderen Gruppe scheitern.

Denkbar wäre es aber – und nach Auffassung vieler, zumindest einiger Vereinsvertreter ein gangbarer Weg – die Struktur der 3. Liga unberührt zu lassen und auch die Struktur der Regionalligen so zu lassen wie sie sind, aber genau zwischen der eingleisigen Liga 3 und der fünfgleisigen Regionalliga eine zweigleisige Liga 4 zu installieren. Ihrer Forderung nach Pyramidialität oberhalb der Regionalliga würde man sofort entsprechen. Zwei 18er Ligen mit je einem direktem Aufsteiger und je einem Platz, der für Relegationsspiele mit den 18ten und 17ten der 3. Liga berechtigt, würden dem sportmoralischen Prinzip gerecht werden. Mehr noch: Die Vereine der 3. Liga würden nur noch 2 direkte Abstiegsplätze fürchten müssen, ein Abstieg aus der 3. Liga wäre weniger dramatisch als dies aktuell der Fall ist. In der zweigleisigen 4. Liga würde es pro Liga dann 3 Absteiger geben, so dass die 5 Meister der Regionalligen und der zweitplatzierte der Regionalliga Südwest direkt aufsteigen könnten. Das oftmals vorgebrachte Argument, dass bei einer zweigleisigen Liga 4 die Reisekosten zu hoch seien, ist nicht tragfähig, weil die Reisekosten nur einen überschaubaren Anteil am Gesamtbudget einnehmen würden und eben auch im Vorfeld planbar wären. Budgettreue ist ligaunabhängig nämlich ein zu verfolgendes Prinzip. Es gibt aus meiner Perspektive aktuell lediglich zwei Gegenargumente, eine zweigleisige Liga 4 einzuführen: (1) Zum einen würde dies für einige Vereine, für die die Regionalliga tatsächlich aktuell die Champions League der Amateure ist, einen „virtuellen“ Abstieg bedeuten, wenn diese sich nicht für die neue Liga 4 qualifizieren und dann „lediglich“ in der 5 Liga spielen würden. Dies Argument ist aber schwierig: Zum einen zählen diese Vereine auch dann noch zu den Top 200 Vereinen in Deutschland – unabhängig von der Spielklasse. Zum zweiten würde dies Argument dazu führen müssen, dass wir eine 11gleisige 1. Bundesliga einführen, dann könnten sich dann nämlich über 200 Vereine als Erstligist bezeichnen und fühlen – ein wirrer Gedanke. (2) Zum zweiten spricht wohl vor allem die Verbandsorganisationsstruktur momentan gegen die zweigeteilte 4. Liga zwischen Liga 3 und Regionalliga. Denn während aktuell die Liga 3 „hoheitlich“ und somit organisatorisch vom DFB selbst organisiert wird, tragen in der Regionalliga die Regionalverbände bzw. Landesverbände (gerade in der Regionalliga Bayern) die organisatorische Verantwortung. Die Regionalligen sind so meist auch „Schmuckstück“ der Regionalverbände. Bei der Einführung einer 4. Liga zwischen der 3. Liga und den Regionalligen wäre zu klären, wer die organisatorische Verantwortung übernimmt, vor allem wäre zu erwarten, dass die Bedeutung auch der Regionalverbände etwas abnehmen kann. Wir haben es hier also aus meiner Sicht durchaus mit dem Problem zu tun, dass unter Umständen die Interessen der Vereine und Vereinsvertreter und die Interessen der Verbände und Verbandsvertreter unterschiedlich gelagert sind. Ich denke aber, dass dies lösbar ist und dass die Ligastruktur sich vor allem nach den Notwendigkeiten orientieren sollte. Es ist Zeit für eine Strukturreform! Wir würden sofort den Antrag auf Einführung einer solchen Liga stellen – sofern wir denn antragsberechtigt wären. Alles ist besser, als der gegenwärtige Zustand. „Meister müssen aufsteigen!“ gilt es zu gewährleisten, „Meister steigen auf!“ könnte und sollte Strukturmerkmal des Deutschen Fußballs sein. Der DFB insgesamt sollte sich dafür stark machen.

Ich freue mich auf Ihren Widerspruch. Wir von Rot-Weiss Essen – und wohl auch viele andere Vereinsvertreter – sind bereit, uns an einer entsprechenden Diskussion zu beteiligen.

Mit sportlichen Grüßen,

Prof. Dr. Michael Welling

1. Vorsitzender
Rot-Weiss Essen e.V.