14. Mai 2013

Heute vor 19 Jahren: Ganz Berlin erstrahlt in rot-weiss

Vor exakt 19 Jahren, am 14. Mai 1994, stand Rot-Weiss Essen dem SV Werder Bremen im DFB-Pokalfinale in Berlin gegenüber. In Anbetracht der zu diesem Zeitpunkt vorherrschenden chaotischen Vereinsverhältnisse abseits des Platzes was schon das Erreichen des Finals eine Sensation für den Klub von der Hafenstraße.

Der RWE, dem in der Saison 92/93 noch die Rückkehr in die zweite Liga gelungen war, ging mit einer schweren finanziellen Bürde in die nachfolgende Zweitligasaison. Der DFB vergab die Lizenz für den Spielbetrieb nur nachdem ein Abkommen zwischen Verein und Gläubigern getroffen wurde, dass Ratenzahlungen über einen Zeitraum von 10 Jahren vorsahen.

Sportlich lief es hingegen besser: Eine gelungene Hinrunde, die mit Platz 10 abgeschlossen wurde, erfolgte zeitgleich auch der Einzug in das Halbfinale des DFB-Pokals. Bereits die 2. Runde, in der der RWE erstmals in dieser Saison im DFB-Pokal antrat, zeigte ein Spiel dessen Höhepunkt auf rund 7 verrückte Minuten gemünzt werden kann.

Von Bocholt bis Berlin

Erster Gegner auf den Weg zum DFB-Pokalfinale damals war der 1. FC Bocholt. Nach beruhigender 2:0 Pausenführung, durch Tore von Oliver Grein (8.) und Daouda Bangoura (37.), sorgte der Bocholter Scharf in der 61. Minute für den Anschlusstreffer. Jörg Lipinski traf fünf Minuten später, allerdings in das falsche Netz. Eigentor – 2:2. Doch RWE antwortete nur zwei Minuten später durch Christian Dondera (68.), der den 3:2 Siegtreffer markierte.

Auch das folgende Heimspiel in der 3. Runde gegen den FC St. Pauli sollte den Fans in Erinnerung bleiben. Nachdem St. Paulis Stürmer Martin Driller nach 55 Minuten seinen Doppelpack perfekt machte und auf 2:0 für seinen FC erhöhte, glaubten viele Fans nicht mehr an ein Comeback der Essener Truppe. Doch die Mannschaft von Trainer Jürgen Röber wehrte sich gegen die Niederlage und wurde folgerichtig durch Tore von Roman Geschlecht (67.) und Daouda Bangoura (72.) mit dem Ausgleich belohnt. Weder St. Pauli noch Rot-Weiss Essen gelang im Anschluss der Siegtreffer, so dass die Partie mit einem 2:2 in die Verlängerung ging. In der 99. Spielminute brachte dann erneut Roman Geschlecht mit dem 3:2 Siegtor den Einzug in das Achtelfinale und sorgte für Freudentaumel auf den Rängen.

Ende Oktober wartete dort der Reviernachbar aus Duisburg. In einer hitzigen Partie ließ der RWE dem MSV im heimischen Georg-Melches Stadion vor 24.000 Zuschauern keine wirkliche Chance. Kontinuierlich verwalteten die Essener einen zwei Tore Vorsprung und zogen nach 90 Minuten verdient mit einem 4:2 in das Viertelfinale des DFB-Pokals ein.

Mit Carl-Zeiss Jena wurde den Essener ein, in dieser Saison, wahrer Revierschreck zugelost. Der Fußballclub aus Thüringen bezwang im Vorfeld bereits Borussia Dortmund, die SG Wattenscheid und Bayer Uerdingen im DFB-Pokal. Vor nur 5.200 Zuschauern auf dem Ernst-Abbe-Sportfeld in Jena trennten sich beide Mannschaften nach der regulären Spielzeit zunächst mit einem torlosen Unentschieden. Nachdem auch in der Verlängerung kein Sieger ermittelt werden konnte, entschied das Elfmeterschießen über den Einzug in das Pokalhalbfinale. Den ersten Schuss versenkten dort aber weder Jörg Lipinski auf Essener noch Axel Wittke auf Jenas Seite. Die anderen Schützen beider Vereine stellten sich als treffsicherer heraus und schraubten das Ergebnis auf ein 5:5 hoch. An Rot-Weiss Essen war es nun den nächsten Elfmeter vorzulegen. Robert Reichert zeigte keine Nerven und traf sicher zum 6:5 für den RWE. Olaf Schreiber, Stürmer bei Carl Zeiss, hingegen scheiterte und machte so den Einzug von Rot-Weiss Essen in das Halbfinale perfekt.

Sportlich lief es also rund an der Hafenstraße. Anders sah es hingegen in der Vereinsspitze aus. Der zu Saisonbeginn neu gewählte Präsident, Dr. Manfred Himmelreich, wurde Ende 1993 bereits wieder abgewählt, nachdem diesem Nebenvereinbarungen mit Gläubigern zur Nachbesserung bestehender Vereinbarung nachgewiesen wurden. Da dies gegen die ursprünglich ausgehandelten Auflagen zur Lizenzvergabe verstieß, erstattete der RWE Selbstanzeige und erhoffte so den drohenden Lizenzentzug zu entgehen. Der DFB ging mit dem Verein allerdings härter ins Gericht und entzog den Rot-Weissen die Lizenz für den Spielbetrieb, was einen Zwangsabstieg in die Regionalliga zur Folge hatte. Ein Urteil, das von vielen Essenern bis heute als zu hart angesehen wird.

Doch mit dem bevorstehenden Heimspiel im DFB-Halbfinale gegen Tennis Borussia Berlin wartete zumindest noch ein Highlight auf die leidgeprüften Fans des RWE. Vor 24.000 Zuschauern, dabei ohne richtige Westkurve, sondern nur vor einer improvisierten Stahlrohrtribüne, siegten die Essener am 8. März überraschend souverän durch Tore von Bangoura (27.) und Margref (66.) mit 2:0. „Berlin! Berlin! Wir fahren nach Berlin!“ skandierten die Fans und ganz Essen freute sich auf Pokalfinale am 14. Mai 1994. Die Saison fand für die RWE-Fans damit doch noch ein versöhnliches Ende.

"Berlin! Berlin! Wir fahren nach Berlin!"

In Berlin wartete vor rund 74.000 Zuschauern, davon knapp 30.000 Essener, der SV Werder Bremen. Der in allen Belangen überlegene  Bundesligist führte zur Halbzeit bereits mit 2:0. Doch Otto Rehhagel, einst selbst für den RWE aktiv, warnte seine Spieler in der Halbzeit vor dem Kampfgeist, den die rot-weisse Mannschaft in dieser DFB-Pokalsaison auszeichnete, und das völlig zu Recht. Die Essener kamen mit einer kämpferischen Einstellung aus der Kabine und belohnten sich nach einem Sturmlauf mit dem Anschlusstreffer zum 1:2 durch Daouda Bangoura (50.). Erst kurz vor Abpfiff der Partie begrub Wynton Rufer (88.) nach einem Konter mit dem 3:1 alle Hoffnungen auf einen Sieg der Essener Mannschaft. Die RWE-Fans waren dennoch nicht von ihrer Mannschaft enttäuscht und ließen das Team bei ihrer Rückkehr auf dem Kennedyplatz hochleben.

So ging eine verrückte Saison zu Ende, die zwar ohne Titel abgeschlossen wurde, aber jedem rot-weissen Fan sicher noch länger in Erinnerungen bleiben wird.