4. Dezember 2013

Spätzünder Hermes: Jetzt geht die Post ab

Götterbote, Postbote, Hammer-Hermes und, und, und… Selten hörte ein Neuzugang bei Rot-Weiss in kürzester Zeit auf so viele Spitznamen wie Tim Hermes. „Viele der Wortspiele waren mir ja schon vorher bekannt. Wir haben uns aber noch nicht auf etwas Festes geeinigt“, grinst der 22-Jährige, der vom Ligakonkurrenten SC Wiedenbrück an die Hafenstraße gewechselt war und sich nach einer langen Verletzungspause, die ihn gleich zu Beginn der Saisonvorbereitung zurückgeworfen hatte, nun in die Mannschaft von Trainer Waldemar Wrobel gekämpft hat.

Doch wirklich zu Tim, dessen Nachname auf einen der zwölf olympischen Götter der griechischen Mythologie zurückgeht und sich außerdem wie ein großer deutscher Paketdienst anhört, passt eher: Musikbote. Denn zusammen mit Max Dombrowka ist er für die Musik in der RWE-Kabine zuständig. Zu den meistgespielten Liedern gehört aktuell die Single „Animals“ des 17-jährigen DJs Martin Garrix aus den Niederlanden. „Wir hören insgesamt viel House, Black und RnB“, erzählt Hermes, der im Haus seiner Eltern Beate und Andreas in Lünen im Kreis Unna selbst eine kleine Konsole stehen hat. „Das ist aber nur rein zum Spaß oder mal für eine Party im Keller.“

Statt auf dem Mischpult gibt der Abwehrspieler in Essen seit einigen Wochen nun auch auf dem grünen Rasen Gas. „Von mir aus könnten wir auch die Winterpause komplett durchspielen. Mit der Belastung komme ich schon klar“, sagt Tim Hermes mit einer gesunden Portion Selbstvertrauen in der Stimme. Da in Deutschland aber aller Wahrscheinlichkeit nach so schnell keine „englischen Verhältnisse“ eingeführt werden, kann der Linksfuß bis Neujahr maximal auf sieben Regionalliga-Einsätze für die Rot-Weissen kommen. „Es war immer mein Traum, vor einem so sensationellen Publikum wie in Essen zu spielen. Daher freue ich mich schon jetzt auf die vielen Heimspiele nach der Winterpause“, so der Außenverteidiger.

Über die anstehenden Feiertage möchte unsere „Nummer zwei“ spontan verreisen. In den vergangenen Jahren ging es im Hause Hermes meist in das österreichische Wintersport-Gebiet Mayrhofen im Zillertal. „Ski-Fahren gehört neben dem Fußball zu meinen größten Hobbys. Sollte es so kommen, werden meine Eltern und ich aber enorm aufpassen, dass dabei nichts passiert“, betont Essens „Musikbote“. Denn eine derartige Leidenszeit wie nach seinem Syndesmosebandriss in der Sommervorbereitung möchte der RWE-Neuzugang künftig um jeden Preis verhindern.

Nach seiner Rückkehr aus Wiedenbrück in das Ruhrgebiet war für den früheren Dortmunder, der vor allem durch Papa Andreas (Jugendtrainer beim TuS Westfalia Wethmar in Lünen) zum Fußball gekommen war, gleich das allererste Training in Essen zu einem bösen Albtraum geworden. „Ich habe einen Schlag abbekommen, aber zunächst keine großen Schmerzen gespürt. Als ich am nächsten Tag aufgewacht bin, war mein Fuß auf einmal doppelt so dick“, erinnert sich Hermes noch ganz genau zurück. Beim folgenden Arztbesuch dann die Schocknachricht: Syndesmosebandriss, sechs Wochen auf Krücken, zahlreiche weitere Wochen in der Reha!

Dabei musste Tim auch noch lange Zeit einen Spezialschuh tragen, um den Knöchel zu entlasten. Während seine Freunde in den Sommermonaten in das Freibad gingen, war er zeitweise ans Bett gefesselt. Selbst das Autofahren fiel in dieser Zeit komplett flach.

„Deshalb konnte ich auch nicht so oft bei der Mannschaft sein, was für mich besonders frustrierend war“, erinnert sich Hermes nur äußerst ungern daran zurück. Doch der 22-Jährige kämpfte sich mit viel Engagement durch die schwere Zeit, absolvierte seine Reha im Essener Physiotherapie- & Präventionszentrum von Christian Zetzmann.

Doch auch nach der Reha lief es für den Außenverteidiger zunächst alles andere als rund. Bei seinem ersten Einsatz für die U 23 in der Oberliga (1:3 beim SV Hönnepel-Niedermörmter) sah Tim Hermes die Rote Karte und wurde damit erneut für drei Partien außer Gefecht gesetzt. „Ich bin von der Seite in einen Zweikampf gegangen. Ich hätte dabei nicht mal im Traum mit einem Platzverweis gerechnet“, sagt der Linksfuß im Nachgang.

Seinen lang ersehntes Debüt in der Regionalliga-Mannschaft feierte Tim schließlich beim souveränen 3:0 im Niederrheinpokal-Achtelfinale gegen den Lokalrivalen FC Kray: „Wenn dir eine komplette Vorbereitung fehlt, bist du auf einem ganz anderen Level. Daher war es ein sehr positives Gefühl, endlich einmal wieder 90 Minuten durchzuspielen.“ Auch in den folgenden vier Ligaspielen (acht Punkte) gehörte der 1,76 Meter große Mann mit den kurz rasierten Haaren zur Startelf von Trainer Waldemar Wrobel.

Dabei überzeugte Essens „Spätzünder“ neben seinen weiten Einwürfen auch durch seine dynamischen Vorstöße über die linke Seite. Getreu seinem Vorbild Philipp Lahm vom Triple-Sieger FC Bayern interpretiert er seine Rolle offensiv. „Philipp Lahm ist für mich wegen seiner Spielweise der beste Außenverteidiger der Welt. In der vergangenen Saison habe ich bei Wiedenbrück acht oder neun Treffer vorbereitet. Da möchte wieder hinkommen“, setzt sich der Abwehrspezialist, der auch auf der rechten Seite einsetzbar ist und sich vor Spielen oft Videos des Nationalmannschaftskapitäns ansieht, durchaus ehrgeizige Ziele.

Wegen einiger gelungener Torabschlüsse im Training bekam Tim, der in der Regel aus Lünen via Fahrgemeinschaft mit Damir Ivancicevic (Herne), Philipp Kunz (Datteln) und dem aktuell verletzten Konstantin Fring (Dortmund) nach Essen kommt, von Mannschaftskapitän Markus Heppke bereits den Spitznamen „The Hammer“ verpasst. Ein spektakulärer Treffer war Hermes beispielsweise in der vergangenen Saison für den SC Wiedenbrück 2000 gelungen, der nach der Winterpause im Februar der erste Gast im Stadion Essen sein wird. „Beim 4:0 gegen die U23 des MSV Duisburg im März kam eine Ecke in den Rückraum. Mein Volleyschuss aus rund 25 Metern ging direkt in den Winkel. Ich habe ein Video davon bei der ARD-Sportschau eingeschickt, aber leider war es zu spät, um noch in die Auswahl für das Tor des Monats zu kommen“, verrät Hermes.

Seine größten Erfolge feierte der 22-Jährige zuvor während seiner Zeit in der Nachwuchsabteilung von Borussia Dortmund (bis 2011). Mit der U 19 (1:2 beim FSV Mainz 05) und der U 17 (4:6 bei 1899 Hoffenheim) der Schwarz-Gelben erreichte Tim jeweils das Finale um die Deutsche Meisterschaft und spielte dabei unter anderem mit den heutigen Profis Mario Götze (FC Bayern) und Daniel Ginczek (1. FC Nürnberg) zusammen. „Es war zwar schade, dass unseren starken Jahrgängen der Titel verwehrt geblieben war. Doch das ist auch schon anderen überragenden Spielern passiert“, ist der Ärger über die Vizemeisterschaften bei Tim Hermes, der dem BVB in der Bundesliga weiter die Daumen drückt, inzwischen verflogen. So brennt der Mann mit den vielen Spitznamen nun ganz auf Erfolge im RWE-Trikot und will dafür sorgen, dass auf und neben dem Platz sprichwörtlich die Post abgeht.