30. März 2014

Die Kobra feiert 50. Geburtstag!

Rot-Weiss Essen gratuliert herzlich.

Jürgen Wegmann ist schon fast beleidigt, wenn man ihn fragt: „Hast du auch deinen Mitgliederausweis von Rot-Weiss Essen dabei?“ Die Antwort ist kurz und knapp: „Natürlich. Was für eine Frage!“ Und sofort hat der gebürtige Essener die Nummer seines Vereins-Ausweises parat: „2002503“. Am heutigen Montag wird die selbsternannte „Kobra“ 50 Jahre. Dazu gratuliert auch RWE sehr herzlich.

Seine Karriere führte über DJK Bergeborbeck zu Rot-Weiss an die Hafenstraße. Später ging er für Clubs wie Borussia Dortmund, Schalke 04 und Bayern München auf Torejagd, ehe er bei unserem kommenden Pokalgegner MSV Duisburg (am 8. April in Essen zu Gast), noch einmal bei RWE und schließlich beim FSV Mainz 05 seine beeindruckende Karriere ausklingen ließ.

Ein Blick zurück: Mit vier Jahren hatte ihm sein Vater die ersten Fußballschuhe gekauft, ein Jahr später meldete er ihn bei der DJK Wacker Bergeborbeck an. Dann der Wechsel zu Rot-Weiss Essen in die C-Jugend. Dort erzielte er nach eigenen Aufzeichnungen als talentierter Nachwuchskicker nicht weniger als 377 Tore. Kein Wunder, dass ihm frühzeitig schon als 18-Jähriger der Sprung in die damalige Essener Lizenz-Mannschaft gelang und er sich dort einen Stammplatz erkämpfte. Nach zwei Jahren standen 65 Zweitliga-Spiele und 32 Treffer zu Buche.

Auch die Zahlen seiner weiteren Profi-Karriere sind respektheischend: 203 Einsätze in der Bundesliga für Dortmund, Schalke und den FC Bayern, 69 Tore, 45 Vorlagen. Viermal wurde er in die U 21-Nationalmannschaft berufen, unter anderem gemeinsam mit Jürgen Klinsmann, Michael Rummenigge und Michael Frontzeck.

Ein großer Redner war er nie. Eher verschlossen, bisweilen wortkarg. Und dennoch: Es waren einige Sprüche, die mit dazu beigetragen haben, dass er auch heute noch zitiert wird. „Ich bin giftiger als die giftigste Kobra“, behauptete er von sich. Seine Analyse „Erst hatten wir kein Glück. Und dann kam auch noch Pech hinzu“, bleibt unvergessen.

Ein ins Pflaster eingelassener Stern auf der „Hohen Straße“ in der Dortmunder Innenstadt („Walk of Fame“) ist der Dank „meines BVB“ für den Torjäger Wegmann, der mit seinem Treffer kurz vor dem Abpfiff zum 3:1 im zweiten Relegationsspiel um den Klassenerhalt am Pfingstmontag 1986 gegen Fortuna Köln ein drittes Spiel erzwang, bei dem die Borussen 8:0 siegten und in der Bundesliga blieben.

Alleine die Liste der Trainer, die den Kung-Fu-erfahrenen Kämpfer in ihrem Kader hatten, sagt Vieles aus über die kurvenreiche Karriere von Jürgen Wegmann: Alexander Mandziara, Rolf Bock, Wolfgang Frank, Jürgen Röber, Ottmar Hitzfeld, Pal Csernai, Jupp Heynckes, Horst Köppel, Erich Ribbeck, Timo Konietzka, Horst Franz, Rolf Schafstall, Ewald Lienen, Uwe Reinders und Reinhard Saftig. Bundesliga-Geschichte pur!

Rot-Weiss Essen kassierte 1984 eine Million Mark Ablöse von Borussia Dortmund, 1,35 Millionen blätterte Schalke zwei Jahre später auf den BVB-Tisch, um Wegmann zu holen. Zwei Millionen zahlte Bayern München an Schalke. Und dem BVB war die Rückkehr Wegmanns von den Bayern nach Dortmund 1,95 Millionen wert.

Mehr als neun Jahre dauerte die Profi-Laufbahn. Im Schnitt verdiente er pro Saison etwa 300.000 Mark. Geblieben ist wenig. Zwei Kinder mit zwei Frauen, das kostete einiges an Unterhalt. Als Mitarbeiter im Merchandising-Bereich war er erst für den BVB und später im Fanshop des FC Bayern im Oberhausener Centro tätig. Zuletzt hatte er Knieprobleme, die ihn dazu zwangen, seinen Job im Fanshop aufzugeben. Würde er mit seinen Qualitäten heute als Fußball-Profi im Geschäft sein, er wäre wohl mehrfacher Euro-Millionär.

Zwei „Schwachpunkte“ in seiner turbulenten Berg- und Talfahrt beschäftigen Jürgen Wegmann auch noch lange nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn. „Ich wurde nie ins Aktuelle Sportstudio des ZDF eingeladen. Und ungerecht war es aus meiner Sicht, dass Bayern-Bomber Gerd Müller bei einer vereinsinternen Wahl für das Tor des Jahrhunderts des deutschen Rekordmeisters den ‚Goldenen Schuh’ erhalten hat“, sagt er.

„Ein Witz“, so Wegmann. „Müller bekam den „Goldenen Schuh für ein Tor beim 9:0 der Bayern gegen Tennis Borussia Berlin. Mein 1:0-Tor gegen Nürnberg, als ich im Stil von Bruce Lee waagerecht in der Luft lag und das Tor des Jahres erzielte, hätte den Titel verdient gehabt“, ärgert er sich immer noch. Immerhin 113.000 Zuschauer der ARD-Sportschau hatten Wegmanns sensationellen Scherenschlag 1988 zum Tor des Jahres gewählt.

In der letzten Woche traf sich Jürgen Wegmann am Rande des Revierderbys zwischen seinen Ex-Vereinen BVB und Schalke (0:0) im Dortmunder Stadion mit dem früheren Borussen Reinhold Wosab. Der hatte in seiner Firma in Alzey den „Goldenen Schuh“ hergestellt, der einst an Gerd Müller übergeben wurde. Wosab brachte der „Kobra“ eine vergoldete Kopie dieser Auszeichnung mit. Zwei Freunde aus alten Zeiten hatten sie Wegmann zum runden Geburtstag geschenkt. Für einen guten Zweck will er den „Goldenen Schuh“ nun uneigennützig vermarkten. „Da lässt sich sicher einiges erlösen“, hofft er. „Auch wenn es nur eine Kopie ist.“

Von FRANZ JOSEF COLLI / MSPW