23. April 2014

Wie der Wille Berge versetzen kann

Der Begriff „Odyssee“ gilt im Volksmund als Synonym für eine lange Irrfahrt. Die „Odyssee“ von RWE-Aufsteiger Samuel Limbasan, der sich bereits als Jugendlicher aus seinem Heimatland Rumänien aufmachte, um Fußballprofi zu werden, ist aber genau das Gegenteil. Unbeirrt verfolgt der 19-Jährige seine Ziele, musste dafür in seinem noch jungen Leben schon viele Hindernisse überwinden, um jetzt die ersten Früchte seiner harten Arbeit zu ernten. In einem ausführlichen Gespräch mit der „kurzen fuffzehn“ verrät uns Samuel, wie er den Weg und sein Glück bei Rot-Weiss Essen fand.

„Fußball bedeutet mir sehr viel. Ich unternehme alles, um Profi zu werden!“ Mit diesen beiden Sätzen im Gepäck verabschiedete sich Samuel im Alter von gerade einmal 17 Jahren aus seiner Heimat Rumänien nach Deutschland. Geboren in Sibiu, bei uns besser bekannt als Hermannstadt, 2007 zusammen mit Luxemburg Kulturhauptstadt Europas, machte sich der 1,84 Meter große Angreifer auf, um die Fußballwelt zu erobern. „Ich hatte in Rumänien keine Zukunft, habe alles hinter mir gelassen und ein neues Leben angefangen“, sagt Samuel. Seit frühester Kindheit jagt er schon dem runden Leder hinterher und hat darin immer seine Bestimmung gesehen. Seinen Eltern Maria und Adrian, die aus einfachen Verhältnissen kommen, fehlten jedoch die finanziellen Mittel, um beim Traum ihres Sprösslings behilflich zu sein.

Was tun, wenn der Wunsch groß und das so Geld knapp ist? „Ich wollte unbedingt Karriere machen“, dachte Samuel nicht daran aufzugeben. Schließlich bewarb er sich für einen Sichtungslehrgang im 260 Kilometer entfernten Bukarest. Zuvor hatten Scouts Samuel in seinem Heimatort unter die Lupe genommen und das Angebot gemacht, sein Können in der Hauptstadt unter Beweis zu stellen. Dort angenommen, setzte er sich mit 14 Jahren gegen die Konkurrenz durch und gehörte danach zu den besten elf Spielern seines Jahrgangs.

Ein Jahr lebte er in einem Fußball-Internat in der Zwei-Millionen-Metropole. „Ich habe dort viel erlebt und gelernt, musste aber auch oft die Schule wechseln“, waren die Bedingungen nicht optimal. „Die Verantwortlichen der Fußballschule des ehemaligen Weltklassespielers Gheorghe Popescu, der während seiner aktiven Zeit unter anderem Kapitän beim FC Barcelona und sechsmal Fußballer des Jahres in Rumänien war, wollten mich in Bukarest halten, aber mich zog es zurück nach Hause“, sagt er ohne Wehmut.

Zurück bei den Eltern in Sibiu gingen die Strapazen weiter. Jeden Tag um fünf Uhr morgens aufstehen – 30 Kilometer mit Bus und Bahn zur Schule fahren – danach Training und spät abends erst ins Bett. Der Traum von der großen Fußballer-Karriere schien zu platzen. Doch Not macht bekanntlich erfinderisch.

Der ehrgeizige Samuel kontaktierte nach Rücksprache mit seinen Eltern seine in Wuppertal-Haan lebende Tante Renate, um mit 17 Jahren in Deutschland sein Fußballer-Glück zu finden. „Ich wollte raus aus Rumänien und erfuhr von ihr, dass es für mich bei Fortuna Düsseldorf Möglichkeiten gibt“, wollte Samuel seine Chance unbedingt nutzen. „Ich habe die Fortuna angeschrieben und mich für ein Probetraining beworben“, ist der Rechtsfuß rückblickend froh, diesen Schritt gemacht zu haben. „Die Düsseldorfer waren erst skeptisch, luden mich aber dennoch ein. Auch oder gerade weil ich bei meiner Tante, die ein sehr großes Herz hat, wohnen konnte.“ Nach zwei Tagen Anreise mit dem Bus und 1.800 Kilometer von der Heimat entfernt, überzeugte Samuel im Probetraining und wurde angenommen. Mit seinen  Eltern in Rumänien kommuniziert er seitdem per Internet (via „Skype“) und hält sie immer auf dem Laufenden.

Wie hart Samuel, der von seinen Mitspielern nur „Samu“ gerufen wird, für seinen Traum arbeitet, blieb auch dem ZDF nicht verborgen. Fünf Monate nach seiner Ankunft in der Landeshauptstadt interessierten sich die Reporter vor allem für das integrative Engagement des Vereins. Sie ließen den „Neuankömmling“ in einem kleinen Fernsehbeitrag auch selbst zu Wort kommen. 20 Stunden pro Woche büffelte er neben dem Fußball-Training die deutsche Sprache, zwei Stunden gab es wöchentlich als „Extra-Einheit“ von einem Lehrer der Caritas noch dazu. „Hausaufgaben wurden in Düsseldorf damals auch schon mal in der Kabine gemacht“, grinst Samuel. Die Selbstständigkeit zu fördern und den Schüler zu fordern, wurde auch unter integrativen Gesichtspunkten beispielhaft umgesetzt.

Von der U18 der Fortuna wechselte „Samu“ zur U23 von Rot-Weiss Essen und wusste auch dort zu überzeugen. In dieser Spielzeit erzielte er für die Mannschaft von Trainer Dirk „Putsche“ Helmig in 27 Einsätzen zwölf Tore. Wenn zum Talent und Fleiß dann auch noch ein wenig Glück hinzu kommt, ist der Weg in die erste Mannschaft nur eine Frage der Zeit. „Bei einem Trainingsspiel fehlten oben einige Leute“, erinnert sich Samu. Nach einem Anruf von „Putsche“ war der Angreifer sofort zur Stelle und zeigte – damals noch unter RWE-Trainer Waldemar Wrobel – eine gute Leistung und war seitdem fest im Blickfeld des Regionalliga-Kaders.

Auch sein neuer Trainer Marc Fascher ist von den Fähigkeiten und der Willensstärke des 19-jährigen Limbasan beeindruckt: „Wenn er mal umgehauen wird, schüchtert ihn das nicht ein.“ Aktuell besucht Samuel die Hulda-Pankok-Gesamtschule in Düsseldorf und will im nächsten Jahr sein Abitur machen. „Ich bin seit fast drei Jahren jeden Tag von 7 bis 22 Uhr unterwegs“, kann es Samu kaum abwarten, bald den Führerschein zu machen. „In den Ferien werde ich mich für die theoretische Prüfung anmelden, um dann auch endlich mal etwas Zeit für mich und meine Freundin Lea, die eine Ausbildung als Ernährungsberaterin absolviert, zu haben.“ Während der RWE-Übungseinheiten am Vormittag sitzt er in der Schule in Düsseldorf und stößt erst nachmittags nach der Anreise mit Bus und Bahn zur Mannschaft.

„Ich bin froh, dass ich als junger Spieler meine Chance bekommen habe“, denkt Samu gerne an den Moment, als ihm Marc Fascher bei Fortuna Köln (1:2) seinen ersten Startelf-Einsatz ermöglichte. Zuvor war Limbasan schon zu drei Kurzauftritten in der ersten Mannschaft gekommen. „Als der Trainer mir in der Kabine mitteilte, dass ich von Beginn an vorne mit Marcel Platzek spiele, war ich überrascht. Das hat mir viel Selbstvertrauen gegeben.“

Den Höhepunkt seiner noch jungen Karriere im RWE-Trikot erlebte Samu beim unglücklichen Pokal-Aus gegen den MSV Duisburg. „Ich hatte nichts zu verlieren und habe mir nur gedacht: Mach dein Ding“, verspürte er keine Nervosität. „Vor 20.000 Fans zu spielen, davon habe ich immer geträumt. So kann es gerne weitergehen.“