28. April 2014

Zwischen Salzgebäck und Kokosnüssen

„Moses“ Lenz und Herbert Weiß : Zwei echte Originale an der Hafenstraße.

„Moses“ Lenz kam Ende der 1950er Jahre aus Montabaur ins Ruhrgebiet. Bei Rot-Weiss Essen hatte das Fan-Original vor der Westkurve seinen Platz. RWE-Legende Willi Lippens berichtet über ihn: „Ein kleiner Kerl, der im Stadion Mandeln verkaufte und Lebkuchen mit netten Aufschriften.“ Weiteres Naschzeug und Salzgebäck befanden sich in einem Korb oder einer weißen Adidas-Tasche, die er immer bei sich führte. Damit verdiente er auch außerhalb des Platzes sein Geld in den Kneipen und Nachtlokalen von Essen.

Seine Liebe zu RWE war eine rein geschäftsmäßige Verbindung. Das Fußball-Unikum war auf vielen Plätzen des Ruhrgebietes zu sehen und trug dabei immer das passende Vereinsoutfit. Als Helmut Rahn in der ersten Bundesligasaison beim MSV Duisburg die Fußballschuhe zum Abschied seiner Karriere schnürte, zierte dessen Konterfei bei den Heimspielen der Duisburger Zebras den Rücken von Moses. Beim BVB tauchte er meistens mit gelb-schwarzer Kappe und einem Bild von Lothar Emmerich auf. Und sogar ein Schalker schaffte es auf seinen Rücken: Manfred Kreuz, der von 1956 bis 1968 in der Knappen-Elf spielte und das 3:0 im Finale der deutschen Meisterschaft 1958 schoss. Die heute oft feindselige Rivalität der Ruhrgebietsvereine war damals noch nicht ausgeprägt. Wer kann sich heute vorstellen, dass 1954 einmal eine gemischte Mannschaft BVB/RWE/SO4 an der Hafenstraße gegen die brasilianischen Ballzauberer aus Sao Paulo spielte?!
Bei RWE zierte eine Zeitlang Willi Koslowski den Rücken von „Moses“ Lenz. Der Schwatte, wie man Koslowski nannte, war 1965 von Schalke an die Hafenstraße gewechselt und hatte mit RWE den Bundesligaaufstieg geschafft.

Koooookossnüsse, jemand hier??

…hallte es 37 Jahre lang über die Tribünen des Georg-Melches-Stadion und am Spielfeldrand. Die exotische Frucht als Snack und Pausenhappen war im deutschen Fußball wohl einmalig. Herbert Weiß, der im Berufsleben auf dem Bau arbeitete, servierte sie in feinen Stücken in einem kokosnussfleischweißen Kittel auf einem Tablett. Dazu ging er am Zaun entlang immer wieder rund ums Spielfeld oder durch die Reihen der Tribünen. Zwei Tage vor einem Heimspiel deckte er sich mit etwa 50 Kokosnüssen ein, die er auf dem Großmarkt am Berliner Platz kaufte. Abends im Keller wurden die harten Schalen gespalten, die Frucht maß- und mundgerecht zerkleinert. Die ganze Familie half dabei mit und unterstützte das Familienoberhaupt auch beim Verkauf im Stadion. Die Weiß´ waren an der Hafenstraße eine Kokos-Dynastie. Nicht nur bei RWE verkauften sie ihre Nüsse, auch im Grugastadion und im Strandbad am Baldeneysee. 50 Pfennig kostete ein kleines Stück Kokosnuss, eine Mark ein großes Stück. Bis 1997 Jahren trug Herbert Weiß sein Tablett durch das Georg-Melches-Stadion, zum letzten Mal beim 1:2 gegen Unterhaching. Dann musste er sein einträgliches Nebengeschäft aufgeben. Aus hygienischen Gründen, wie es heißt. RWE verlor nicht nur sein letztes Heimspiel und stieg aus der 2. Bundesliga ab, sondern auch ein Original. Herbert Weiß senior starb 2006 im Alter von 71 Jahren. Geblieben ist der Spitzname für Sohn Herbert Weiß junior. Ihn kennt bei RWE jeder nur unter dem Namen „Nüsschen“.

Beitrag von Georg Schrepper, ehrenamtlicher Vereinsarchivar