24. März 2015

Hürden auf dem Weg zur Meisterschaft – Die Rückrunde in der Meistersaison 1954/55

Das Weltmeisterschaftsjahr 1954 hatte Rot-Weiss Essen am 2. Weihnachtstag nach Toren von Islacker und Rahn mit einem 2:0 Erfolg gegen Schalke 04 beendet. Souverän standen die Bergeborbecker mit 27:3 Punkten an der Tabellenspitze der Oberliga West. Zu Ostern 1955 wollte man die Westdeutsche Meisterschaft entschieden haben.

Doch der Start ins Meisterjahr ging zunächst gründlich daneben. „Nationaltorwart Herkenrath an Gelbsucht erkrankt“ „Fußballtorwart auf der Isolierstation!“ „Gottschalk und Wewers verletzt“ lauteten die Schlagzeilen der ersten Zeitungsausgaben des Jahres 1955.
Die Rückrunde begann für Rot-Weiss Essen bereits am 09.01.1955 gegen Bayer Leverkusen. Überraschend gab es eine 0:1 Niederlage, die gleichzeitig den ersten doppelten Punktverlust in der Meistersaison bedeutete. Die beiden nächsten Spieltage fielen den Witterungsbedingungen zum Opfer. Als wieder Fußball gespielt werden konnte, gab es auswärts ein 1:1 bei Alemannia Aachen. Eine Woche später war RWE wieder zur alten Stärke zurückgekehrt und gewann 4:2 gegen den 1. FC Köln.

Bei Borussia Mönchengladbach, die zuhause noch ungeschlagen waren, gelang mit einem 3:2 dann auch der erste Auswärtssieg im neuen Jahr. Die Schlagzeile im Kicker fasste den Spielverlauf trefflich zusammen: „Gottschalk denkt, Vordenbäumen lenkt, Islacker schießt.“
Eine kleine Vorentscheidung im Kampf um die Westdeutsche Meisterschaft schien nach dem 4:2 Sieg im Lokalderby gegen den ETB Schwarz Weiß Essen gefallen zu sein.
Und das ließ die Mannschaft leichtsinnig werden. Zwei Wochen später stand das nächste Saisonspiel bei Preußen Münster auf dem Programm. RWE zeigte seine schlechteste Saisonleistung und verlor 1:4. Trainer Fitz Szepan war sauer. „Meine Mannschaft spielte, als hätte sie es nicht mehr nötig. Dabei hatte ich vor dem Spiel verlangt, dass sie sich auch in Münster voll einsetzte. Die Preußen gewannen verdient. Sie waren uns eindeutig überlegen.“

Meisterschaftsentscheidung vor den Ostertagen
Die empfindliche Niederlage kam zur rechten Zeit. Das Team von der Hafenstraße zeigte beim Meidericher SV mit einem wieder genesenen Fritz Herkenrath und großer Einsatzbereitschaft sein wahres Können und gewann 2:1.
Der Auswärtssieg in Duisburg war der Auftakt zu vier erfolgreichen Spielen in Folge, die die vorzeitige Meisterschaftsentscheidung bedeutete. Als nächstes gelang ein deutlicher 3:0-Sieg gegen den VfL Bochum, bei dem sich insbesondere die beiden Länderspielkandidaten Fritz Herkenrath und Helmut Rahm empfahlen. Fortuna Düsseldorf verlor im Rheinstadion vor 30.000 Zuschauern in einem spannenden Spiel mit 1:3 gegen den RWE. Nur drei Tage später fand am Gründonnerstag das Nachholspiel gegen den Tabellenzweiten SV Sodingen statt. Dank des 2:1-Sieges stand vier Spieltage vor Ende der Meisterschaftsrunde Rot-Weiss Essen uneinholbar an der Tabellenspitze und feierte nach 1952 zum zweiten Mal die Westdeutsche Meisterschaft.

Es folgte ab Ostersonntag eine Woche mit drei Spielen, die RWE allesamt verlor. Die erste Niederlage gegen den Duisburger SV (0:2) nahm man noch gelassen hin. Nach der 1:2 Niederlage in Herne und der erneuten 0:2 Heimniederlage gegen Preußen Dellbrück schrillten dann aber die Alarmglocken. „Dass wir in einer bedenklichen Krise stecken, ist augenscheinlich“, sorgte sich Trainer Fritz Szepan.

Für die beiden letzten Punktspiele reichten dann aber die Namen der Reviernachbarn als Motivationsschub. Bei Borussia Dortmund zeigte RWE insbesondere in der ersten Halbzeit ein erstklassiges Spiel. Zur Pause führte das Team 2:0, ehe der BVB nach dem Wechsel noch ein Treffer zum 1:2 Endstand gelang.

Zum Saisonabschluss kam Schalke 04 an die Hafenstraße. Vor dem Spiel wurde RWE als Westdeutscher Meister und Schalke als Westdeutscher Pokalsieger geehrt. Bei heißschwülem Maiwetter taten beide Mannschaften dann nicht mehr als nötig und trennten sich unentschieden 1:1.

Rot-Weiss Essen wurde in der spielstärksten Oberliga mit 45:15 Punkten und großem Abstand auf den Tabellenzweiten SV Sodingen unangefochten Westdeutscher Meister. Wie ausgeglichen die Oberliga West ansonsten war, zeigte sich in der Abschlusstabelle. Zwischen dem Tabellenvierten Borussia Dortmund (30:30 Punkte) und dem Tabellenvorletzten Meidericher SV (26:34 Punkte) lagen gerade einmal vier Punkte.

Jetzt standen noch sieben Spiele bis zum großen Ziel an, als erste Mannschaft nach dem Krieg die Meisterschale in den Westen zu holen. Es sollte die Krönung der Fußballlaufbahn von August Gottschalk und des Wirkens von Vereinsgründer Georg Melches werden.

Text: Georg Schrepper