13. April 2015

Pokalspielort Hafenstraße: Ein tanzender Curtis und das wohl längste Tor der Pokalgeschichte

Pokalspiele an der Hafenstraße haben ihren ganz besonderen Reiz. Gerade in Krisen- und Aufbruchsituationen hat sich gezeigt, dass Mannschaft und Zuschauer eine echte Einheit bilden und gemeinsam zum Erfolg kommen können. An zwei dieser Spiele erinnern wir vor dem Halbfinale des otelo-Niederrheinpokals.

„Wer ist der König im Revier? – Nur der RWE“
…so tönte es nach 90 Minuten Pokalfight in der zweiten Runde des DFB-Pokals 1992/93gegen Schalke 04 durch das Georg-Melches-Stadion. Die Schalke-Anhänger, aus deren Block zu Beginn des Spiels die Frage mit anderer Antwort gehallt war, hatten zu diesem Zeitpunkt das Stadion schon fluchartig verlassen. „2:0 – ich war dabei“, mit diesem Slogan bedruckte T-Shirts erinnerten so manchen RWE-Fan noch lange an den 13. September 1992, als die Mannschaft von Jürgen Röber den Revierrivalen im DFB-Pokal bezwangen. Im Hexenkessel an der Hafenstraße hatten 25.000 Zuschauer ein Spiel erlebt, das laut WAZ „in die RWE-Geschichte eingeht“.

Es war das Spiel des Jahres, 15 Monate nachdem sich 1991 durch den Zwangsabstieg der Essener aus der 2. Liga und dem Bundesliga-Aufstieg der Blau-Weißen die Wege der beiden Traditionsklubs getrennt hatten.

Trainer Jürgen Röber hatte seine Jungs heiß gemacht. „Ich habe den Spielern gesagt, dass wir mithalten können, wenn wir über den Kampf und die Aggressivität kommen.“ Rot-Weiss Essen gewann in der ersten Halbzeit fast alle Zweikämpfe. Die Zuschauer trauten ihren Augen nicht. Es stürmte nur eine Mannschaft – RWE, von Klassenunterschied keine Spur. Schalkes millionenschwerer Sturm mit Christensen und Mihajlovic war bei Essens Manndeckern Ingo Pickenäcker und Roman Geschlecht abgemeldet. Kapitän Frank Kontny spielte als Libero vor der Abwehr, Jürgen Margref trieb das Spiel über die rechte Seite an und Spielmacher Predag Crnogai zog im Mittelfeld die Fäden. Drei Chancen hatte RWE in der ersten Viertelstunde. In der 26. Minute wurde die engagierte Leistung belohnt. Pedrag Crnogaj schnappte sich knapp 20 Meter vor dem Schalker Tor den Ball und ließ Torhüter Jens Lehmann mit einem fulminanten Linksschuss keine Chance.

Eine Stunde lang spielte Rot-Weiss Essen die Königsblauen an die Wand. Erst in der 68. Minute hatten die Schalker ihre erste Torchance, und setzten RWE in der Schlussphase unter Druck – vergeblich. Mit einem kuriosen Tor machte Jörg Lipinski in der 88. Minute alles klar. Der bis zur Mittellinie aufgerückte Schalker Torwart Jens Lehmann wollte einen Essener Befreiungsschlag abfangen, doch der Ball sprang ihm zu weit weg. Lipinski erwischte den Ball als Erster und lief alleine aufs Tor zu. Kurz vor der Torlinie stoppte er, wartete und schob dann den Ball zum 2:0-Endstand ein. Später befragt, sagte der Torschütze: „Der Trainer hat gesagt, wir sollen auf Zeit spielen, wenn wir 1:0 führen, und ich war mir in der Situation so sicher, da konnte ich auf Zeit spielen.“ Das Georg-Melches-Stadion glich anschließend einem Tollhaus. Udo Lattek, der außer sich war, bekannte in der ARD-Sportschau: „Das war die bitterste Niederlage in meiner ganzen Trainerlaufbahn.“

Die WAZ zog „das Fazit: Ein prächtiges Fußballfest an der Hafenstraße, von dem man noch lange, vielleicht sogar eine Generation (weil es eben Schalke war), in Essen spricht. Dieser Sieg der Rot-Weißen tut ganz Essen gut.“ RWE-Kapitän Frank Kontny bedankte sich im Namen der Mannschaft ausdrücklich beim besten Publikum, das er kenne: „Die Begeisterung sprang von den Rängen herunter auf den Platz. Da war es leicht 150 Prozent zu geben.“

DFB-Halbfinale 1994 gegen Tennis Borussia Berlin 2:0
Ausverkauft war das Georg-Melches-Stadion auch am 8. März 1994, als es trotz erneut erfolgtem Lizenzentzug und dem damit zum Saisonende verbundenen Zwangsabstieg aus der 2. Liga gegen Tennis Borussia Berlin darum ging, ob RWE zum zweiten Mal nach 1953 den Einzug in ein DFB-Pokalfinale schaffen würde. Die Rot-Weissen schafften es! „Essen kämpfte sich nach Berlin“, titelte der Kicker: „Die Mannschaft, die mehr Herz und Leidenschaft investierte, sich kampf- und laufstärker präsentierte, löste das Ticket zum Finale. Der Essener Sieg roch nach Arbeit und Schweiß: Kampf bis zum Umfallen kompensierte nicht immer vorhandene spielerische Klasse und manchen technischen Fehler. (…) Mit dem 1:0 wuchsen Selbstvertrauen und Sicherheit der Gastgeber. Margref schuf klare Verhältnisse gegen eine angriffsschwache Berliner Elf, die zunehmend kopfloser und nervöser auftrat.“ Nach dem 2:0-Sieg feierten die Spieler mit ihren Fans: „Wie die Zaunkönige hingen die Essener Spieler auf der Platz- Umrandung, die sie von ihren begeisterten Fans trennte. Torwart Frank Kurth tanzte auf dem Spielertunnel, genoss das Bad in der Menge.

Die gleiche Leidenschaft und Begeisterung bei der Mannschaft und den Fans wünschen wir uns für das Halbfinale des otelo-Niederrheinpokals gegen den FC Kray.

Text: Georg Schrepper