15. April 2015

„So wie einst Real Madrid“

Internationale Spiele auf dem Weg zur deutschen Meisterschaft 1955

Keine deutsche Fußballmannschaft bestritt nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1960er Jahre so viele internationale Freundschaftsspiele wie Rot-Weiss Essen. Bei ihrer 9½wöchigen Süd- und Nordamerikareise 1954 erhielten die Bergeborbecker zurecht das Prädikat ein ausgezeichneter Botschafter für den deutschen Fußball zu sein. Spitzenmannschaften aus aller Welt spielten an der Hafenstraße oder RWE bei ihnen.

Zwischen zwei Sonntagen
In der Meistersaison 1954/55 stand RWE nach dem 3:0 Auswärtserfolg beim ETB Schwarz-Weiß Essen am 7. Spieltag (11.10.54) allein an der Tabellenspitze der Oberliga West. Einen Tag später ging es auf eine fünftägige Tour nach Spanien und Frankreich. Erster Spielpartner waren die Königlichen von Real Madrid. Vor 50.000 Zuschauern kassierte RWE eine herbe 1:6 Niederlage. Auch wenn der Unterschied zwischen einer Profi- und der in Deutschland noch üblichen Vertragsspielerelf sichtbar wurde, bescheinigte die spanische Presse dem RWE: „Trotz der hohen Niederlage spielte die deutsche Mannschaft einen guten Fußball. RWE verriet eine gute moderne Schule und Klassespieler.“ Zwei Tage später gab es in Frankreich beim FC Rouen eine 2:3 Niederlage. Erneut hieß es: „Es ist eben schwer, gegen Berufsspieler zu spielen, zumal wir nicht in stärkster Aufstellung antreten konnten. Es fehlten Rahn, Termath, Islacker und Herkenrath.“

Einen versöhnlichen Abschluss der Gastspielreise gab es dann noch mit dem 0:0 bei Racing Lens. Der Chronist merkte an: „Worüber man am Samstagabend in Lens staunte, das war die vorzügliche Kondition der Westdeutschen. Dass es beim 0:0 blieb, verdankt die französische Mannschaft allein ihrer unermüdlichen Abwehr, die bei zwei Lattenschüssen nur mit Glück standhielt.“

Auch wenn in Deutschland bis zur Einführung der Bundesliga 1963 das Vertragsspielerstatut galt, nach dem ein Spieler maximal 320,- DM/Monat + Punktprämien verdienen durfte, waren diese internationalen Spiele zur Aufbesserung der Kassenlage notwendig. Insgesamt erhielt Rot-Weiss Essen für die drei Spiele in Madrid – Rouen –Lens eine Antrittssumme von 15.000 DM, inflationsbereinigt eine damals durchaus erkleckliche Summe.

Gut für`s Selbstvertrauen
Dass die internationalen Begegnungen auch für das Selbstvertrauen der Mannschaft wichtig waren, zeigt eine Episode kurz vor dem Ende der Meistersaison 1954/55. Rot-Weiss Essen war nach der vorzeitigen Westmeisterschaft in eine kleine Krise gefallen. Innerhalb einer Woche hatte es plötzlich drei Niederlagen im Ligaalltag gegeben. Und so machte man sich an der Hafenstraße zu Recht Sorgen, da nur vier Wochen später die Endrundenspiele zur Deutschen Meisterschaft anstanden. In dieser Phase stand der nächste internationale Vergleich gegen die Nationalmannschaft der Niederlande an. In der kurzen fuffzehn wurde die Bedeutung dieser Partie besonders deutlich: „Von diesem Spiel erwarten wir die Wendung zum Guten oder die klare Erkenntnis, dass unsere Mannschaft tatsächlich ausgebrannt und für die Endspiele nichts mehr zu erhoffen sei.“

Doch davon war nichts zu spüren. RWE zeigte eine seiner besten Saisonleistungen und fertigte das Oranje-Team mit 4:1 ab. Die Kritiken überschlugen sich vor Erleichterung. „Erfreulich war vor allem die Wiedergeburt unseres Nationalrechtsaußens. So möchten wir unseren Helmut aber auch den gesamten Sturm in den entscheidenden Spielen der Endrunde sehen.“ Und in diesen pseudoreligiösen Formulierungen ging es weiter: „Es kam die Auferstehung! 20.000 erlebten sie mit; darunter sehr viele Holländer“ Der Fußballsport schrieb: „Endlich ließen die punktspielmüden Essener die Katze aus dem Sack und vor ihrem schillernden Repertoire an Fußballkönnen erblasste und verblasste der prominente Gast vollkommen.“

Internationales Testspiel als Generalprobe zur Deutschen Meisterschaft
Nach dem Titelgewinn der Westdeutschen Meisterschaft absolvierte Rot-Weiss Essen noch ein weiteres internationales Freundschaftsspiel als Generalprobe auf die Endrunde zur deutschen Meisterschaft. Gegen die Bolton Wanderers gab es einen 3:1 Erfolg. In der kurzen fuffzehn hieß es dazu: „In der ersten Halbzeit bestand unsere Mannschaft diese Probe mit dem Prädikat ausgezeichnet, das bestätigt wurde durch die drei bezaubernden Tore von Franz Islacker. Allein diese Tore waren es wert, zum Spiel zu kommen.“ Drei Tore erzielte Penny Islacker sieben Wochen später auch im Endspiel zur deutsche Meisterschaft.

Welche Bedeutung die internationalen Spiele für die Spieler hatten, machte Willi Vordenbäumen in einem Interview des RWE-Films zum Vereinsjubiläum 2007 deutlich: „Rot-Weiss war ein führender Verein und überall bekannt. Was mich seinerzeit auch gereizt hatte – es wurden internationale Spiele bestritten, so in dem Stil wie heute die Europapokalspiele laufen. Und das war natürlich etwas, was man sonst eigentlich gar nicht erleben konnte, denn es war ja seinerzeit nicht so, dass man überall hinfliegen konnte wie das heute der Fall ist.“

Text: Schrepper