11. Mai 2015

„Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“

Vor dem Finale des otelo-Niederrheinpokals werden rot-weisse Erinnerungen wach.

Am Endspieltag des Niederrheinpokalfinales gegen Rot-Weiß Oberhausen ist es auf den Tag genau 21 Jahre her, dass Rot-Weiss Essen im DFB-Pokalfinale von Berlin stand. Dieses Finale ist für die meisten Essener trotz der 1:3 Niederlage gegen Werder Bremen aus viererlei Hinsicht in positiver Erinnerung geblieben.

Da waren zunächst die 25-30.000 Fans, die unsere Mannschaft nach Berlin begleiteten. Ihre Verbundenheit mit RWE demonstrierten drei Fans vom Fanklub „Die Unzertrennlichen“ auf ganz besondere Weise. Sie waren die rund 600km lange Strecke in die Bundeshauptstadt zu Fuß gegangen und sangen bei ihrer Ankunft in die aufgestellten Fernsehkameras: „Berlin, Berlin. Jetzt sind wir in Berlin.“ Ihr Wunschergebnis formulierten sie im Fernsehen so: „6:5 im Elfmeterschießen für uns, dann sind wir die 600 km lange Strecke nicht umsonst gelaufen sind und haben lange Fußball gesehen.“

Die Berliner City war fest in Essener Hand. Die Fernsehvorberichte zeigten, wie friedlich und vereint die Anhänger sportlicher Rivalen miteinander umgehen können. An der Gedächtniskirche trafen sich Bremer und Essener und zelebrierten ihren Pokaltag: „Werder und der RWE“. Verbrüderungsszenen zwischen den Fans, Schals und Fahnen wurden getauscht, zusammen angestoßen und gesungen. Die Berliner Polizei musste den Ku`damm immer wieder für die tanzenden Anhänger sperren.

Der Spielverlauf

RWE hielt zu Beginn des Pokalfinales gut mit und hatte durch einen Freistoß die erste Chance des Spiels, der aber in der Bremer Abwehrmauer hängen blieb. Anschließend verkrampften die Essener Spieler zusehends und agierten ängstlich. Werder Bremen hatte bis zur Pause das Spiel sicher im Griff, ohne allzu viel dafür tun zu müssen. Es wirkte zeitweise wie ein Trainingsspiel, das der Bundesligist aufzog und dabei mühelos zur 2:0 Führung durch Beiersdorf und Herzog kam.
„Wir haben vor der Begegnung die Situation besprochen, wie es sein wird, vor so vielen Leute zu spielen, wie es sein wird, gegen so große Namen anzutreten,“ sagte anschließend RWE-Spieler Christian Dondera. „Aber als wir dann da auf dem Rasen standen, waren wir wie gelähmt.“

ZDF-Reporter Dieter Kürten kommentierte: „2:0 steht es zur Halbzeit. Alles geht seinen normalen Gang.“ Bremens Trainer Otto Rehhagel sah das etwas vorsichtiger und meinte zu Beginn der zweiten Halbzeit: „Wir müssen aufpassen. RWE wird jetzt total auf Offensive umschalten. Wir müssen sehen, dass wir die nächsten zehn Minuten überstehen.“

Essens Trainer Wolfgang Frank brachte nach der Pause Oliver Grein für Robert Reichert. Zunächst schien sich am Spielverlauf nicht viel zu ändern, bis in der 50. Minute plötzlich Adrian Spyrka aus gut 25 Metern auf das Tor von Oliver Reck schoss. Sein Schuss wurde von der Bremer Abwehr abgeblockt, sprang Jürgen Margref vor die Füße, der ihn an Torhüter Oliver Reck vorbeispitzelte. Daouda Bangoura erkannte die Situation am schnellsten und drückte das Leder zum Anschlusstreffer über die Linie. Von nun an spielte nur noch eine Mannschaft, die Lähmungserscheinungen waren wie verschwunden und jeglicher Respekt vor den vermeintlich großen Namen des Bundesligisten abgelegt. Schon an der Mittellinie eroberten sich die Essener Spieler den Ball und schnürten die Bremer in ihrer Hälfte förmlich ein. RWE spielte Powerplay und Einbahnstraßenfußball, holte eine Ecke nach der anderen heraus. Bis zur 80. Minute kam der Bundesligist nicht mehr vor das Essener Tor. Der Ausgleich schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Die Rot-Weiss Spieler wurden von einer Welle der Euphorie getragen, die durch das Berliner Olympiastadion zog.

Otto Rehhagel agierte hektisch am Spielfeldrand, pfiff erregt auf seinen Fingern, wechselte seine Spielmacher Mario Basler und Andreas Herzog aus, um die Abwehr zu verstärken. ZDF-Urgestein Dieter Kürten kommentierte: „Rehhagel hat erkannt, mit spielerischen Mitteln ist den Essenern nicht mehr beizukommen. Jetzt wird verteidigt. Sie müssen das 2:1 halten.“ Das Happy End war den Bremern dann auch vorbehalten, denn der Ausgleich wollte trotz zahlreicher Großchancen nicht fallen.. Die rot-weiße Aufholjagd hatte gleichzeitig viel Kraft gekostet und so lief in der 88. Minute Wynton Rufer plötzlich nach einem feinen Doppelpass alleine auf Frank Kurth zu, umspielte den Essener Torwart und schoss von der linken Seite des Torraumes auf das leere Gehäuse. Roman Geschlecht, der auf die Linie zurücklief, lenkte aus dem Lauf heraus den Ball mit einer sicheren Parade an die Torlatte. Den fälligen Elfmeter verwandelte Wynton Rufer zum 3:1 Endstand.
Otto Rehhagel, dessen Fußballerkarriere bei RWE begonnen hatte, meinte nach dem Spiel: „Die Rot-Weißen haben uns von einer Verlegenheit in die andere gestürzt und für ein dramatisches Spiel gesorgt.“

Torwart Frank Kurth ergänzte: Wir hatten zuerst zuviel Respekt und haben den in der Halbzeit in der Kabine gelassen, um für die vielen, vielen Fans alles zu geben und ein großes Pokalmatch zu zeigen.“ Das sah auch Wolfgang Frank so und meinte in Anklang an einen Essener Fangesang: „Wir haben die Bremer an die Wand gespielt, aber leider nicht das zweite Tor gemacht.“

Für wen die Herzen der Fans an diesem Nachmittag schlugen, wurde bei der Pokalübergabe an Werder Bremen endgültig hörbar. Die Fans beider Mannschaften sangen „Immer wieder, immer wieder RWE“ und feierten dann auch noch stürmisch die Essener Fußballer bei ihrer Ehrenrunde. Das Berliner Olympiastadion war in einem einzigen rot-grün-weißen Taumel. Echte Fanfreundschaft, die bis heute Bestand hat. Auch wenn die Sensation letztendlich ausblieb – die Herzen der Zuschauer hatte der Zweitligist im Sturm erobert.