4. Oktober 2017

„Sind Sven Demandt zu großem Dank verpflichtet“

Prof. Dr. Michael Welling über die aktuelle Situation an der Hafenstraße.
Prof. Dr. Michael Welling über die aktuelle Situation an der Hafenstraße.

Prof. Dr. Michael Welling im Interview.

Alles andere als einen optimalen Saisonstart erlebten Fans und Verantwortliche des Traditionsvereins von der Hafenstraße bisher. 13 Punkten aus elf Spielen sind eine ernüchternde Bilanz, die am Sonntag der vergangenen Woche die Beurlaubung von Sven Demandt zur Folge hatte. Im Interview spricht Prof. Dr. Michael Welling über die Entscheidung zur Trennung und über die Suche nach einem neuen Chef-Trainer.

Hallo Michael! Eine turbulente Zeit an der Hafenstraße nach der Trennung von Sven Demandt am vergangenen Sonntag. Erst einmal kurzfristig gedacht: Wie geht es jetzt weiter?

MW: Erst einmal werden Manuel Lenz und Carsten Wolters gemeinsam mit Jürgen Lucas das Training leiten. Hier geht es darum, die Mannschaft kurzfristig auf das nächste Spiel in Rödinghausen vorzubereiten. An dieser Stelle muss man dann einmal mehr den Hut vor Jürgen ziehen, der aktuell neben seiner Arbeitsstelle jede freie Minute für den Verein investiert. Man darf schließlich nicht vergessen, dass er auch den Job als Direktor Sport Senioren nebenberuflich realisiert und hauptberuflich schon mit mehr als 8 Stunden am Tag eingespannt ist. Und nun helfen er und Damian Apfeld auch noch zusätzlich beim Training aus, auch aus diesem Grund haben wir aktuell veränderte Trainingszeiten, damit das unter einen Hut zu kriegen ist.

Und das in einer Phase, die besonders intensiv für einen Direktor Sport Senioren ist…

MW: …ganz genau. Glücklicherweise wissen wir, dass Jürgen extrem für diesen Verein brennt. Dazu ist er neben seiner Position auch einfach vor allem Fan von Rot-Weiss Essen.

Fangen wir aber mal vorne an. Was hat euch letztendlich zu der Überzeugung gebracht, Sven Demandt von seinen Aufgaben zu entbinden?

MW: Ich muss zugeben, dass es in diesem Fall eine außergewöhnlich schwierige Entscheidung war. Letztendlich haben wir eine sportlich bisher enttäuschende Saison erlebt, was wir uns gemeinsam sicherlich ganz anders vorgestellt haben, gerade auch, weil wir im Saisonübergang ganz bewusst auf Kontinuität gesetzt haben. Wir sind aber nicht in die Spur gekommen, wie wir das erwartet haben, die Vorteile der Kontinuität sind schlicht nicht zum Tragen gekommen. Da muss man auch nicht drum herum reden, wir sind weit hinter unser aller Ansprüche zurück geblieben und haben vor allem Zuhause nicht die Leistung und Ergebnisse erzielen können, die hier in Essen notwendig sind. Allerdings können, dürfen und möchten wir das nicht nur an der Person Sven Demandt festmachen. Als wir Sven verpflichtet haben, steckten wir mitten im Abstiegskampf. Damals war es gerade seine besonnene Art, die uns in der Hektik dieser schwierigen Zeit stabilisiert und dazu beigetragen hat, dass wir die Klasse gehalten und sogar noch den Niederrheinpokal gewonnen haben. Das sollte man bei all der sportlichen Enttäuschung der vergangenen Wochen nicht vergessen, wir sind Sven daher zu großem Dank verpflichtet, Sven hat in besonderer Weise für den Verein gebrannt und hat sich – und das ist nicht selbstverständlich – mit der Aufgabe und dem Verein identifiziert. Wie in den vergangenen Monaten teilweise mit ihm umgegangen wurde, war daher alles andere als angemessen.

Was meinst du genau?

MW: Plötzlich wurden Attribute kritisiert, die uns vor anderthalb Jahren noch den – Entschuldigung – Hintern gerettet haben, wo noch vor Kurzem genau seine ruhige und besonnene Art gelobt wurde – heute wurde ihm dann mitunter vorgeworfen, dass er zu ruhig sei und zu wenig emotional, als wenn sich ein Mensch innerhalb von 12 Monaten in den Grundzügen seines Charakters ändert. Da ist der Fußball und da sind dann vor allem auch Fans und Medien sehr a-historisch, da wird auch stark frei nach Adenauer vergessen, was noch gestern gesagt wurde. Zudem wurde von Leuten, die wahrscheinlich selbst höchstens mal in der Landesliga gekickt haben, das Training von einem Trainer kritisiert, der als Spieler selbst über 450 Spiele in der 1. und 2. Bundesliga gemacht hat, über Jahre in einem hoch anerkannten Nachwuchsleistungszentrum Spieler ausgebildet hat und der als Trainer bereits Meister der Regionalliga war. Das ist dann schon kurios. Da frage ich mich manchmal: Wie kann man denn so anmaßend sein, von sich zu glauben, mehr von Fußball zu verstehen, als jemand, der seit 36 Jahren auf hohem Niveau in diesem Geschäft ist, wie kann man von außen ohne Faktenwissen und Hintergrundinformationen Urteile bilden, die mitunter vernichtend waren? Ich halte dies für stillos und unangebracht. Bei aller Emotionalität müssen wir uns hier alle besser hinterfragen und reflektieren, wobei das in Zeiten der Sozialen Medien zur Unsitte geworden ist, Menschen schneller zu richten und vernichtender in den Urteilen zu sein. In dieser anonymen Welt geht der Respekt vor den Menschen da oft verloren, das ist aber nicht nur im Fußball so, sondern ist ein allgemeines Phänomen. Mit Blick auf Sven, der ein ganz toller Mensch ist, muss man einfach sagen, er hat einen solchen Umgang schlicht nicht verdient.

Auch in deine Richtung wird kritisiert, sprichst du da auch von deiner Person?

MW: Meine Person ist unwichtig. Es geht um Rot-Weiss Essen. Dass ich kritisiert werde ist normal, letztlich trage ich die Verantwortung für den Gesamtverein. Mir ist es sogar lieber, wenn man mich kritisiert als die im sportlichen Bereich aktiven Trainer und Spieler, da es dort eben auch leistungshemmend sein kann. Persönlich glaube ich, dass sich an Sven oder dann gerne auch an mir ein Frust entlädt, der sich aus den vergangenen Jahren und Jahrzehnten speist. Wir müssen aber dahin kommen, dass nicht bei jeder sportlichen Krise stets alles und jeder in Frage gestellt wird. Eine sportliche Krise hat jeder Verein im Zeitablauf, sich aus einer solchen zu befreien, ist bei Rot-Weiss aber immer etwas schwerer, als an anderen Standorten. Die Erwartungshaltung ist verständlich und wird auch von uns befeuert, aber die Lunte wird immer kürzer.

Also war die Unruhe entscheidend?

MW: Nein, wir dürfen nicht den Fehler machen, im Umfeld und in der Unruhe die Gründe für den sportlichen Misserfolg zu suchen, wir dürfen uns in unseren Entscheidungen davon auch nicht leiten lassen. Entscheidend war allein die sportliche Entwicklung. Aber zu dieser Entwicklung haben die genannten Aspekte durchaus beigetragen. Wir befinden uns aktuell in einer Negativspirale, aus der wir irgendwie einen Ausweg finden müssen. Leider hatte Sven in verschiedenen Gruppen außerhalb der Kabine nicht den Rückhalt, den er als Trainer gebraucht hätte. Um endlich wieder nach vorne schauen zu können und uns von diesem Rucksack zu befreien, haben wir uns dann dafür entschieden, uns von Sven zu trennen. Letztendlich geht es darum, einen neuen Impuls zu setzen. Das hat aber nichts mit der Qualität von Sven als Trainer zu tun.

Dann schauen wir tatsächlich nach vorne: Was muss der neue Trainer mitbringen?

MW: Egal wer nun kommt muss zunächst der Mannschaft die aktuelle Unsicherheit nehmen und positiv verstärken. Unser Profil sieht so aus, dass wir einen Fußballlehrer suchen, der durch die Trainingsarbeit in der Lage ist, die Mannschaft und einzelne Spieler zu entwickeln, dabei aber vor allem erfolgreich mit der Mannschaft ist – aber das ist die Anforderung, die wohl jeder Verein der Welt so formuliert. Uns ist wichtig, aber nicht unbedingt zwingend, dass der Trainer einen Bezug zur Regionalliga bzw. dritten Liga hat und natürlich wäre es wünschenswert, wenn er den Westen und das Ruhrgebiet kennt. Letztlich entscheidet aber das Gesamtpaket, alle Attribute wird kein Trainer der Welt erfüllen können. Jürgen Lucas ist hier sehr aktiv, wir stimmen den Prozess und die Schritte aber mit den Gremien ab und tauschen uns da aus, die finale Entscheidung treffen wir dann zusammen. Was die Suche und das Ergebnis betrifft, wird es daher sicherlich auch keinen Schnellschuss geben. Uns ist schon klar, dass für viele jetzt die Zeit der Spekulationen losgeht. Es ist schon kurios und manchmal amüsant, welche Namen dann plötzlich auftauchen und öffentlich diskutiert werden. Wir bleiben wie immer dabei: Wir kommentieren keine Namen und keinen Sachstand, sondern werden zu gegebener Zeit das Ergebnis präsentieren.