26. Juli 2019

„Die Wucht der RWE-Fans nutzen“

Christian Titz gibt heute seine Liga-Premiere an der Hafenstraße. (Foto: Endberg)
Christian Titz gibt heute seine Liga-Premiere an der Hafenstraße. (Foto: Endberg)

Cheftrainer Christian Titz vor seinem Liga-Debüt gegen Borussia Dortmunds U23.

Jetzt gilt’s! Mit dem Revierderby gegen die U 23 von Borussia Dortmund, mit dem die Saison 2019/2020 in der Regionalliga West offiziell eröffnet wird, startet Rot-Weiss Essen am Freitag, 19.30 Uhr, in die neue Spielzeit. Zum ersten Mal nimmt der neue Cheftrainer Christian Titz (48) bei einem Ligaspiel an der Hafenstraße auf der Bank Platz. Sechs Tage nach der offiziellen Saisoneröffnung und dem 2:2 im letzten Testspiel gegen den Südwest-Regionalligisten Kickers Offenbach möchte der Rot-Weiss-Trainer mit seinem neuformierten Team gegen den ebenfalls äußerst ambitionierten BVB einen möglichst optimalen Saisonstart hinlegen und setzt dabei auch auf die Unterstützung der Fans. Im Interview mit der „kurzen fuffzehn“ nimmt Christian Titz ausführlich Stellung.

Hallo Christian! Der Saisonstart steht unmittelbar bevor. Wie zufrieden warst Du mit der Generalprobe gegen Kickers Offenbach?
Mir hat gut gefallen, dass wir Ball und Gegner vor allem in der ersten Halbzeit kontrollieren konnten. Wir haben uns gute Chancen erarbeitet, hätten weitere Treffer nachlegen können. Weniger gut war, dass wir zu viele Standardsituationen für den Gegner produziert haben. Dadurch haben wir uns selbst ein wenig um den verdienten Lohn gebracht.

Wie fällt insgesamt Dein Fazit der Vorbereitung aus?
Grundsätzlich positiv. Unsere Ideen, wie wir künftig spielen wollen, haben wir zuletzt schon gut umgesetzt. Der Gegner wurde früh angelaufen und wir hatten schnelle Balleroberungen. Jetzt gilt es, die Mannschaft zu stabilisieren und defensiv noch weniger zuzulassen. Wenn uns das gelingt, sind wir schon auf einem recht guten Weg.

Wie gut gefällt es Dir, vor eigenem Publikum zu starten?
Das freut mich sehr, das habe ich mir so gewünscht. Wir haben die Chance, vor einer großen Kulisse im besten Fall mit einem Sieg positiv zu starten. Darauf sind wir fokussiert. Allerdings wissen wir auch, dass wir auf einen sehr starken Gegner treffen, der – so glaube ich – um die Meisterschaft mitspielen will.

Welche Bedeutung hat ein Auftaktspiel aus Deiner Sicht für den weiteren Saisonverlauf?
Ich würde mich da nicht so sehr auf eine einzelne Partie beziehen. Ich weiß aber, dass es sehr wichtig ist, in den ersten sechs bis sieben Spielen gut in die Saison zu kommen und möglichst schon konstant Punkte zu sammeln. Das wäre eine gute Basis. Dass wir am liebsten gleich zu Beginn den ersten Sieg einfahren wollen, versteht sich von selbst. Aber das wollen die Dortmunder auch.

Nach Platz acht in der Vorsaison wurde die Mannschaft weitgehend neu zusammengestellt, muss sich erst finden. Wie weit ist der Prozess schon fortgeschritten?
Ein Neuanfang ist für einen Trainer eine Chance. Es ist aber auch hilfreich, wenn die Automatismen schon da sind. Damit haben wir komplett neu angefangen: Mit einer neuen Mannschaft, einer neuen Spielidee und einem erweiterten Trainerteam. Die Eindrücke aus der Vorbereitung sind durchaus positiv. Es gibt aber auch noch einiges zu verbessern, speziell in der Defensive.

Wie würdest Du Deine Spielidee beschreiben?
Wir wollen aus eigenem Ballbesitz heraus dominant sein und Torchancen kreieren. Das beinhaltet den Ball schnell nach vorne zu spielen, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Gleichzeitig aber auch die nötige Geduld zu haben, Angriffe vorzubereiten. Wir möchten das Spiel aufbauen und so zu Möglichkeiten kommen. Der zweite Faktor ist das Pressing. Wir wollen aktiv nach vorne verteidigen. Das ist ein Prozess, der Zeit benötigt und trainiert werden muss. Das geht nicht von heute auf morgen. Das ist uns bewusst.

Das heißt, Du möchtest um eine gewisse Geduld im Umfeld und bei den Fans werben?
Ich würde nicht sagen, dass ich darum werbe. Ich bin Realist und weiß, dass Fußball ein Ergebnissport ist. Ich weiß aber auch, dass es Zeit benötigt, um etwas aufzubauen und eine Stabilität zu erreichen. Der Verein hat tolle, fanatische Anhänger, die für uns zu einem wichtigen Pfund werden können. Aber eine gewisse Geduld ist schon notwendig.

Könntest Du einen Zeitraum umreißen?
Ich bin hier angestellt worden, um nach oben zu kommen. Dafür haben wir den Trainerstab erweitert, die Abläufe professionalisiert, eine neue Spielidee festgelegt und neue Spieler geholt. Bis wir als Mannschaft gefestigt sind, dauert es drei bis sechs Monate. Das heißt aber nicht, dass wir in dieser Phase keine Spiele gewinnen können. Wir sind uns jedoch der Schwere der Liga bewusst und nehmen diese Herausforderung an.

Die RWE-Fans sind äußerst begeisterungsfähig, haben aber auch traditionell eine hohe Erwartungshaltung. Wie bewertest Du die Situation?
Ich sehe diese Wucht als Vorteil. Es ist eine wichtige Aufgabe, dass wir einen Zusammenschluss mit den Fans finden, sie mitnehmen und füreinander da sind.

Da Du noch vor etwas über einem Jahr beim Hamburger SV in der Bundesliga tätig warst, hat Deine Verpflichtung auch überregional durchaus für Aufsehen gesorgt. Spürst Du einen Vertrauensvorschuss?
Ich merke, dass eine Euphorie und eine Erwartungshaltung da sind. Das müssen wir richtig einordnen und nicht zu weit in die Zukunft blicken. Unser Ziel ist einfach: Immer das nächste Spiel zu gewinnen.

Die Konkurrenz hat RWE – nicht zum ersten Mal – auf den Favoritenschild gehoben. Ist Dein offensiver Spielstil Ausdruck dieser Favoritenrolle?
Ich glaube, dass die Zuschauer von Rot-Weiss Essen eine Dominanz erwarten. In Heimspielen darfst du nicht abwarten. Da musst du schnell in die Tiefe gehen, um die Wucht des Publikums zu nutzen. Dann kannst du mit der Hilfe der Fans auch Spiele für dich entscheiden, die sonst vielleicht in eine andere Richtung laufen würden. Aber ja: Wir glauben, dass wir ein Verein sind, zu dem Spieldominanz passt. Mit der Einschätzung unserer Konkurrenten oder einer vermeintlichen Favoritenrolle hat das aber nichts zu tun. Es gibt in dieser Saison zahlreiche Anwärter auf die Meisterschaft.

Welche Klubs gehören dazu?
Die beiden Drittliga-Absteiger Fortuna Köln und Sportfreunde Lotte haben sicher den Anspruch, möglichst bald wieder aufzusteigen. Dazu besitzen auch die Mannschaften, die schon in der vergangenen Saison im oberen Drittel platziert waren, die Qualität, um den ersten Platz mitzuspielen. Dazu zählen neben unserem Auftaktgegner Borussia Dortmund U 23 auch Rot-Weiß Oberhausen, der SV Rödinghausen, Alemannia Aachen und die U 23 von Borussia Mönchengladbach. In diesen Kreis wollen auch wir gerne vorstoßen.

Innerhalb von etwas mehr als zwei Jahren hast Du in der B-Junioren-Bundesliga, in der Regionalliga Nord sowie in der 1. und 2. Bundesliga gearbeitet. Jetzt kommt die Regionalliga West hinzu. Ändert sich Deine Arbeitsweise in den verschiedenen Ligen?
Grundsätzlich ändert sich die nicht. Als ich U 17-Trainer beim HSV war und mit sehr jungen Talenten gearbeitet hatte, musste ich einiges modifizieren. Da lag die Zielsetzung in der Ausbildung, um die jungen Spieler an die Profimannschaft heranzuführen. Mit einer Bundesliga-Mannschaft kann man Dinge wegen der höheren Qualität der Spieler vielleicht schneller einstudieren. In der Regel lassen sich die Trainingsinhalte aber gut umsetzen – egal in welcher Liga.

Bekannt geworden ist das offensive Torwartspiel, das bei Deinen Mannschaften häufig zu beobachten war. Lässt es sich auch in der Regionalliga umsetzen, dass der Torhüter bei eigenem Ballbesitz weit aufrückt?
Die Spielweise wurde in der Berichterstattung darauf reduziert, weil wir es in der Bundesliga mit dem HSV praktiziert haben und es dort als neu wahrgenommen wurde. Das Torwartspiel ist aber nur eine von mehreren Spieloptionen. Nicht mehr und nicht weniger. Es kann uns – vor allem mal gegen tiefstehende Gegner – helfen, weil uns so ein Anspieler mehr zur Verfügung steht und wir durch die Überzahl mehr Möglichkeiten haben, unseren Zielspieler in Position zu bringen. Und wenn es zu einem langen Schlag durch den Torhüter kommt, können wir im tornahen Raum des Gegners mit allen Feldspielern ins Pressing gehen. Ich habe damit bei meinen verschiedenen Stationen gute Erfahrungen gemacht. Es kann aber immer mal sein, dass wir es anpassen, verfeinern oder auch mal ganz weglassen. Wie gesagt: Wir haben da verschiedene Möglichkeiten.

Gegen Kickers Offenbach hat Marcel Lenz über 90 Minuten durchgespielt. Ist er die neue Nummer eins?
Ich habe die Startelf für das BVB noch nicht komplett im Kopf. Marcel hat seine Sache gut gemacht und auch spielerisch überzeugt.

Vor allem an Dir und dem strategischen Partner Sascha Peljhan macht sich in Essen sehr viel Hoffnung fest. Wie ist der Austausch?
Wir haben uns schon einige Male getroffen und ich kann nur sagen: Die Menschen sind gut beraten, Sascha Peljhan dankbar zu sein. Er liebt diesen Klub und stellt deswegen finanzielle Mittel bereit, damit der Verein die Möglichkeit hat, seine sportlichen Ziele zu verfolgen. Das ist aller Ehren wert.

Du hast auch sehr lange im Juniorenbereich gearbeitet. Welche Rolle spielt der Nachwuchs in Deinen Plänen bei RWE?
Es gibt bereits einen sehr engen Austausch. Wir verzahnen gerade den Trainerstab mit dem Nachwuchsleistungszentrum, damit wir noch besser zusammenarbeiten können. Wir wollen dauerhaft Spieler aus der eigenen Jugend nach oben bringen und ihnen eine Perspektive aufzeigen – beispielsweise, indem wir einen Perspektivkader einrichten, junge Talente regelmäßig bei der ersten Mannschaft mittrainieren oder die Profitrainer entsprechende Einheiten mit den Jungs abhalten. Dass Rot-Weiss Essen als Viertligist über ein lizenziertes Leistungszentrum verfügt, war für mich ein positiver Aspekt.