2. März 2021

„Saarbrücken als Vorbild“

Neidhart: "Die Mannschaft wird über 90 oder 120 Minuten alles geben". (Foto: Endberg)
Neidhart: „Die Mannschaft wird über 90 oder 120 Minuten alles geben“. (Foto: Endberg)

Christian Neidhart vor dem DFB-Pokal Viertelfinale im Interview.

Zwei Überraschungsmannschaften der aktuellen Saison im DFB-Pokal treffen im Viertelfinale am Mittwoch, 18.30 Uhr, an der Hafenstraße im direkten Duell aufeinander. Nach Siegen gegen Arminia Bielefeld (1:0), Fortuna Düsseldorf (3:2) und Bayer 04 Leverkusen (2:1 nach Verlängerung) trifft Rot-Weiss Essen in der Runde der letzten acht Vereine auf den Zweitliga-Spitzenklub Holstein Kiel, der unter anderem den Titelverteidiger und Rekordpokalsieger FC Bayern München nach Elfmeterschießen ausgeschaltet hatte. Für ein Team wird der Traum vom historischen Einzug in das Halbfinale wahr. RWE gelang das zuletzt in der Saison 1993/1994 (als dann auch das Endspiel erreicht wurde), für Holstein Kiel liegt die letzte Halbfinal-Teilnahme sogar schon 80 Jahre zurück. Im aktuellen Interview spricht RWE nun mit Chef-Coach Christian Neidhart über die anstehende Runde der letzten acht:

Hallo Christian! Im Viertelfinale des DFB-Pokals geht es an der Hafenstraße gegen Holstein Kiel. Wie groß ist die Vorfreude beim Team?
Wir alle freuen uns – wie schon vor den ersten drei Pokalrunden – sehr auf dieses Bonus-Spiel. Wir haben die Chance, mit dem Einzug in das Halbfinale etwas ganz Besonderes zu erreichen. Dafür wird die Mannschaft über 90 oder 120 Minuten alles geben.

Schon unmittelbar nach der Auslosung in der ARD-Sportschau hattest Du gesagt, "nicht unglücklich" über den Gegner zu sein. Warum nicht?
Weil wir uns intern durchaus einen Zweitligisten als Gegner gewünscht hatten. Wir bleiben zwar demütig und wissen, dass wir auch gegen Holstein Kiel klarer Außenseiter sind. Dennoch waren einige mögliche Gegner im Topf, die noch über eine deutlich höhere Qualität verfügen. Von daher war das Los sicherlich geeignet, erneut ein gewisses Pokalfieber aufzubauen. Für mich persönlich kommt noch hinzu, dass mit Marco Komenda und Benjamin Girth zwei Spieler in Kiel unter Vertrag stehen, die ich aus gemeinsamen Zeiten beim SV Meppen kenne. Ich freue mich auf das Wiedersehen.

In den ersten drei Runden hatte RWE mit Arminia Bielefeld, Fortuna Düsseldorf und zuletzt Bayer 04 Leverkusen drei Profiklubs aus NRW ausgeschaltet. Wäre in dieser Reihe nicht ein Duell mit dem BVB oder Borussia Mönchengladbach besonders reizvoll gewesen?
Reizvoll sicherlich, aber auch sehr, sehr schwer. Bei allem Respekt: Gegen Holstein Kiel sind unsere Chancen sicherlich ein wenig größer.

Im Achtelfinale gegen Leverkusen war besonders bemerkenswert, dass die Mannschaft gegen einen vermeintlich übermächtigen Gegner in der Verlängerung selbst nach einem 0:1-Rückstand noch einmal zurückgekommen ist und das Spiel gedreht hat. Hast Du im Nachhinein eine Erklärung dafür, wie das möglich war?
Uns war schon vor dem Spiel klar, dass wir nur dann als Sieger vom Platz gehen können, wenn Bayer 04 das zulässt. Zugegeben: Wenn es normal läuft, hätten wir das Spiel auch 0:4 oder 0:5 verlieren können. Die Leverkusener haben aber so viele Chancen nicht genutzt, dass sich so etwas im Fußball immer rächen kann. In einer Verlängerung werden dann auch bei Bundesligaprofis die Beine schwer. Vielleicht waren sie sich nach dem 1:0 auch zu sicher. Danach haben wir plötzlich unsere Möglichkeiten bekommen – und genutzt.

Leverkusen ist ein Champions-League-Aspirant, Kiel "nur" ein Zweitligist. Hast Du die Befürchtung, RWE könnte jetzt trotz des Unterschieds von zwei Spielklassen als "gefühlter Favorit" wahrgenommen werden?
Bei uns im Verein, im Trainerteam und auch innerhalb der Mannschaft denkt so niemand. Alle wissen, welches Kaliber da auf uns wartet. Holstein gehört nicht von ungefähr zu den Aufstiegskandidaten in die Bundesliga. Dass unsere Fans das vielleicht ein wenig euphorischer sehen ist kein Problem. Sie dürfen träumen.

Holstein Kiel schaltete mit einer leidenschaftlichen Leistung den Titelverteidiger und haushohen Favoriten FC Bayern München im Elfmeterschießen aus. Wie hast Du die Sensation erlebt?
Ich habe das Spiel im TV gesehen und fand, dass Kiel absolut verdient gewonnen hat. Das war schon eindrucksvoll. Den Rekordmeister und -pokalsieger ausgeschaltet zu haben, sorgt aber sicher auch dafür, dass die Erwartungshaltung in Kiel ebenfalls deutlich gestiegen ist. Wer Bayern besiegt, will nicht gegen Rot-Weiss Essen ausscheiden.

Seit der Auslosung steht auf jeden Fall fest, dass erneut mindestens ein Nicht-Erstligist das Halbfinale im DFB-Pokal erreichen wird. Was löst das bei Dir und was sagt es über die Bedeutung des Wettbewerbs?
Das zeigt, wie reizvoll der Pokal ist und bleibt. Diese Duelle Klein gegen Groß zeigen immer wieder, dass auch vermeintliche Außenseiter in einem einzigen Spiel in der Lage sind, qualitativ stärkere Teams in Verlegenheit zu bringen oder sogar zu besiegen. Das macht den Pokalwettbewerb aus.

Vor einem Jahr erreichte der 1. FC Saarbrücken als erster Viertligist überhaupt das Halbfinale. Ist das auch ein Indiz dafür, wie nah zumindest die Spitzenmannschaften der Regionalliga am Profifußball dran sind?
Genau wie Saarbrücken im letzten Jahr sind auch wir schon jetzt Profis, auch wenn wir offiziell diesen Status nicht haben. Der Verein sorgt mit seinen Möglichkeiten dafür, dass wir uns voll auf den Fußball konzentrieren können. Von daher ist der Unterschied zu den höherklassigen Mannschaften gar nicht so groß, abgesehen von der Qualität der einzelnen Spieler. Aber wie gesagt: In einem einzigen Spiel ist immer sehr viel möglich.
 
Wie groß ist Deine Lust, den Halbfinalrekord des 1. FC Saarbrücken mit einem Sieg gegen Holstein Kiel einzustellen?
Wir haben alle große Lust darauf, denn der FCS ist für uns schon ein kleines Vorbild. Schließlich gelang neben den sensationellen Pokalerfolgen auch der Aufstieg in die 3. Liga. Und ich glaube fest an unsere Chance, dass wir auch beides erreichen können.

Als Rot-Weiss Essen zuletzt das Viertelfinale erreicht hatte, ging es in der Saison 1993/94 – damals als Zweitligist – sogar bis ins Endspiel nach Berlin. Die Spieler genießen nach wie vor Heldenstatus bei den Fans. Ist Dir bewusst, dass RWE erneut etwas Einmaliges schaffen könnte, diesmal sogar als Team aus der 4. Liga?
Absolut! Die Jungs wissen, dass sie Geschichte schreiben und sich mit zwei weiteren Siegen unsterblich machen könnten.

Bisher kam RWE zweimal nach 90 Minuten weiter, gegen Leverkusen dann in der Verlängerung. Holstein Kiel setzte sich zuletzt zweimal erst im Elfmeterschießen durch. Hast Du vor dem Viertelfinale Elfmeter trainieren lassen?
Das habe ich vor den ersten drei Pokalspiele nicht gemacht und auch diesmal darauf verzichtet. Auch wenn bei der derzeitigen Situation der zusätzliche Druck durch die Zuschauer fehlt: Das Elfmeterschießen lässt sich im Training nicht simulieren. Ich bin der Meinung, dass es im Fall der Fälle entscheidend ist, genug Spieler zu haben, die unbedingt schießen und Verantwortung übernehmen wollen. Sollte es gegen Kiel wirklich dazu kommen, dann bin ich sicher, dass sich bei uns genügend Kandidaten melden werden.