18. Mai 2021

„Diva, Malocher und doppelter Boden“

Dienstältester im Trainerteam: Seit 2016 gehört Manuel Lenz zur Bank an der Hafenstraße. (Foto: Endberg)
Dienstältester im Trainerteam: Seit 2016 gehört Manuel Lenz zur Bank an der Hafenstraße. (Foto: Endberg)

Torwart-Trainer Manuel Lenz über Daniel Davari, Jakob Golz und Leon Brüggemeier.

18 Mal in dieser Spielzeit zu Null gespielt, nur 24 Gegentore in 37 Partien: Rot-Weiss Essen stellt gleich zwei Defensiv-Bestwerte in der Regionalliga West. Entscheidenden Anteil daran hat neben einer guten Defensivarbeit der Feldspieler natürlich auch die Leistung der Torhüter. Im Gespräch mit der "kurzen fuffzehn" spricht Torwart-Trainer Manuel Lenz (36), der bereits seit Januar 2016 an der Hafenstraße tätig ist, vor dem Saisonendspurt unter anderem über Stammtorhüter Daniel Davari, den aktuell leider verletzten Jakob Golz und Winter-Neuzugang Leon Brüggemeier.

Hallo Manuel! Sind die Anzahl der Gegentore oder der Zu-Null-Spiele wichtige Werte, die für Dich in der Arbeit als Torwart-Trainer eine Rolle spielen?
Lenz: Wir versuchen schon, die Bewertung der Leistungen auch an messbaren Werten festzumachen. Wichtig ist allerdings, die Zahlen detailliert zu betrachten. Bei den Gegentoren und den Zu-Null-Spielen muss man dann immer noch betrachten, wie oft der jeweilige Torhüter dabei "mit in der Verlosung" war, sei es durch besonders gute Aktionen oder vielleicht auch mal den einen oder anderen Fehler. Genauso können unsere Torhüter aber auch trotz eines oder sogar mehrerer Gegentreffer gute Leistungen gezeigt haben. Ich denke, bei uns passen jeweils beide Aspekte.

Wie würdest Du Deinen Trainingsstil beschreiben?
Ich denke, der oft zitierte Ausspruch "Zuckerbrot und Peitsche" trifft es ganz gut. Mein Ansatz ist es ein spielnahes, modernes Torwart-Training anzubieten. Dennoch kommen bei mir gelegentlich auch Aspekte aus dem Bereich "Old School" im Training vor. Außerdem ist mir wichtig, dass die Jungs eine hohe körperliche Fitness haben. Daher absolvieren wir zu dem Training auf dem Platz auch regelmäßig Einheiten im Kraftraum. Die Jungs machen auch viel freiwillig und zusätzlich. Bei einer normalen Woche ist die Intensität vor allem zu Beginn sehr hoch. In einem Zyklus von etwa vier Wochen versuchen wir jeden Aspekt des Torwartspiels detailliert abgearbeitet zu haben, wobei es im Laufe einer Trainingswoche Bereiche gibt, die immer vorkommen. Bei uns hat es sich zum Beispiel etabliert, dass wir zwei Tage vor den Pflichtspielen den Fokus auf die Strafraumbeherrschung legen. Je näher der Spieltag rückt, desto mehr achten wir dann darauf, dass sich die Körper der Jungs von der Belastung besser erholen können. Ich nehme nicht nur jedes Spiel von hinter dem Tor auf, sondern auch die Trainingseinheiten. Neben einer Detailanalyse schneide ich auch die besten Szenen einer Trainingswoche zusammen und schicke sie unseren Torhütern dann als Motivationsvideo per WhatsApp.

Nachdem er in der zurückliegenden Saison Stammtorwart war, musste sich Jakob Golz in dieser Spielzeit hinter Daniel Davari anstellen. Wie ist die Konkurrenzsituation zwischen den Torhütern?
Ganz ehrlich: Super. Ich hatte noch nie eine so homogene und angenehme Gruppe. Da nehme ich ausdrücklich auch Leon Brüggemeier mit dazu. Ganz klar: Für Jakob war es nicht einfach, dass er nicht mehr regelmäßig spielte. Er hat das aber gut angenommen. Die Jungs bringen Woche für Woche ihre Leistung im Training. Es gibt selbstverständlich hin und wieder ein paar Sticheleien und Sprüche. Jeder will die kleinen Wettkämpfe der Gruppe gewinnen. Indem sie Daniel im Training antreiben, haben auch Jakob und Leon großen Anteil an den starken Leistungen von "Diva".

Durch die zwischenzeitliche Corona-Quarantäne von Daniel Davari war Jakob Golz kurzfristig gefordert. Was hattest Du ihm mit auf dem Weg gegeben?
Dass ich mich für ihn freue und ein gutes Gefühl habe, wenn er im Tor steht. Er sollte auf seine Stärken vertrauen und mit Spaß in die Begegnung gehen. Gegen Wuppertal und in Aachen war er auf dem Punkt da. Damit hat er genau unsere Erwartungen erfüllt. Die Vertragsverlängerung vor wenigen Monaten war der verdiente Lohn für seine Leistungen.

Wie würdest Du das Torhüter-Trio insgesamt charakterisieren?
Daniel Davari hat als ehemaliger Erstliga-Keeper und WM-Teilnehmer mit dem Iran viel erlebt. Von seiner Ausstrahlung profitiert jeder Mitspieler. Dazu ist "Diva" mit dem Ball am Fuß sehr stark. Diva hat sich außerdem mit dem Wechsel zu uns trotz seiner 33 Jahre nochmals auf neue Dinge eingelassen und meine hohen Erwartungen mehr als übertroffen. Er ist ein absoluter Vollprofi, mit dem es unheimlich Spaß macht zu arbeiten. Jakob ist ein absoluter Malocher. Er erarbeitet sich viel, legt einige Extra-Einheiten im Kraftraum ein. Als typischer Norddeutscher ist Jakob eher ein zurückhaltender Typ. Er entwickelt aber auch immer mehr eine Ruhrpott-Schnauze (lacht). Er hat eine tolle Entwicklung genommen und umso mehr ist es schade, dass er jetzt ausfällt. Aber er ist ein Kämpfer und ich bin mir sicher, dass er noch stärker zurückkommt, als er vorher war. Leon ist unser Fangnetz und doppelter Boden, damit wir auf der Position für alle Fälle abgesichert sind. Aus der U19 trainiert auch Jannik Hermans regelmäßig mit. Als Nachwuchstorwart kann er sich von den anderen noch eine Menge abschauen und die Eindrücke aufsaugen. Alles in allem muss ich sagen, dass die Arbeit mit den Jungs extrem angenehm ist und ich auch von ihnen immer mal etwas für meine Arbeit mitnehmen kann.

Stichwort "Fangnetz und doppelter Boden": Weil sich Jakob Golz im Training einen Mittelhandbruch zugezogen hat und bis zum Saisonende ausfallen wird, rückt jetzt Leon Brüggemeier mehr in den Fokus und dürfte regelmäßig im Kader stehen!
Genau für eine solche Situation, die wir uns natürlich nicht gewünscht hatten, wurde Leon im Winter verpflichtet. Wir haben volles Vertrauen in seine Fähigkeit. Sollte er zum Einsatz kommen, hätte ich absolut keine Bauchschmerzen.

Welche Rolle spielt der jeweilige Schlussmann bei der Spielidee von Cheftrainer Christian Neidhart?
Über allem steht natürlich, dass die Torhüter die Bälle, die auf ihren Kasten kommen, abwehren. Insgesamt verfolgen wir einen spielerischen Ansatz. Wir wollen viele Situationen mit fußballerischen Mitteln lösen. Das fängt schon beim Spielaufbau des Torhüters an. Gerade in den zurückliegenden Partien sind nicht wenige Treffer durch die gute Spieleröffnung von "Diva" eingeleitet worden. Wenn er lange Bälle spielt, macht er das nicht blind, sondern um einen Mitspieler in ein vielversprechendes Laufduell zu schicken.

Mit 36 Jahren könntest Du noch selbst zwischen den Pfosten stehen. Warum hattest Du Dich schon vor mehr als fünf Jahren dafür entschieden, Torwart-Trainer zu werden?
Mir war schon immer klar: Wenn ich nach meiner aktiven Laufbahn dem Fußball erhalten bleibe, dann als Torwart-Trainer. Daher hatte ich mich bei RWE beworben. Als der Verein dann zu verstehen gegeben hat, dass er mich will, musste ich nicht mehr lange überlegen. Dafür habe ich dann auch zur Winterpause in der Oberliga Westfalen bei der Hammer SpVg als Torhüter aufgehört. Die Aufgabe bei Rot-Weiss hat mich vom ersten Moment an erfüllt. Nicht mehr selbst zwischen den Pfosten zu stehen, habe ich zu keiner Zeit vermisst. Aufgrund von Personalsorgen stand ich bei einer Handvoll Spielen auf dem Spielberichtsbogen. Zum Einsatz kam ich aber zum Glück nicht. (lacht)

Als Torhüter-Team habt Ihr Euch auch für die RWE-Sozialinitiative "Essener Chancen" eingesetzt. Wie sieht das Ganze aus?
Wir veranstalten in der Gruppe mehrere Wettkampf-Spielchen. Dazu gehören unter anderem Lattenschießen oder Fußball-Golf. Dabei setzen wir verschiedene Anreize, damit die Jungs auf keinen Fall verlieren wollen. Da kann es dann schon einmal darum gehen, dass der Verlierer in einem Flamingo-Kostüm zum Training kommen muss. (lacht) Oder der Verlierer zahlt etwas in unsere Torwartkasse ein. Da durch die Corona-Pandemie zunächst nicht ganz klar war, ob die traditionelle Aktion "Herzenswünsche" wie geplant vor Weihnachten stattfinden konnte, hatte ich Kontakt zu Tani Capitain aufgenommen, in welcher Form wir helfen können. Dabei kamen wir dann darauf, dass wir Geld aus der Torwart-Kasse an die "Kleinen Spatzen" des Kinderschutzbundes Ortsverband Essen spenden könnten. Gut möglich, dass wir nach der Saison etwas Ähnliches machen werden.

Deine Tätigkeit bei RWE umfasst nicht nur die Profis, oder?
Genau. Ich bin auch zwei- bis dreimal in der Woche im Nachwuchsleistungszentrum an der Seumannstraße und unterstütze dort Markus Schneider, Enes Kurt und Alex Rudolph beim Training unserer Junioren-Torhüter, die dort einen hervorragenden Job machen. Mir ist es wichtig, für ein Gemeinschaftsgefühl unter allen RWE-Torhütern zu sorgen. Daher sollen sich die Nachwuchskeeper nicht nur untereinander kennen. Auch der Kontakt zu den Profis spielt eine große Rolle. Wenn wir diese Durchlässigkeit vorleben, gelingt uns noch eher, hoffnungsvolle Talente länger an uns zu binden.

Dein Vertrag ist auch über diese Saison hinaus gültig. Welche persönlichen Ziele verfolgst Du?
An erster Stelle steht der Aufstieg mit RWE in die 3. Liga und die Weiterentwicklung unserer Profi-Torhüter. Längerfristig will ich dabei helfen, unser NLZ sowie die Torwartschule auszubauen und das Niveau unserer Torwart-Ausbildung zusammen mit den Torwarttrainern aus dem NLZ noch weiter anzuheben. Wobei wir dort mit Hendrik Bonmann, Moritz Nicolas oder Lukas Raeder ja auch schon Torhüter hatten, die mittlerweile im Profifußball angekommen sind. Das Ziel ist es, das ein solches Eigengewächs dann auch irgendwann Stammtorhüter bei RWE wird.