15. Mai 2024

Aufstieg 2004: Die Rückkehr!

Als Rot-Weiss Essen vor 20 Jahren den Sprung in die 2. Bundesliga schaffte.

Aufstieg 2004: Die Rückkehr! – Rot-Weiss Essen
Eine Einheit! Gemeinsam erreichten Mannschaft und Fans 2004 den Aufstieg in die 2. Bundesliga. (Fotos: Archiv Schrepper)

„1907: Die Geburt – 1953: Der Pokal – 1955: Die Schale – 2004: Die Rückkehr“: Am 14. Mai 2004, im vorletzten Heimspiel der Regionalliga Nord gegen den SC Paderborn, hielten die Rot-Weiss Essen-Fans ein Transparent mit der zitierten Zeitleiste im Fanblock K des Georg-Melches-Stadion hoch. Mit 3:1 besiegte RWE den Verfolger um einen der beiden Aufstiegsplätze zur 2. Bundesliga. Eine Woche später wurde die Ankündigung endgültig Wirklichkeit. Der 7:0-Erfolg bei der Reservemannschaft von Schalke 04 und die gleichzeitige 0:4-Niederlage des zweiten Verfolgers Wuppertaler SV bedeuteten nach sieben Jahren Fußballmagerkost die Rückkehr ins Bundesligaunterhaus. Rund 12.000 Essener bejubelten im Wattenscheider Lohrheidestadion und später vor dem Georg-Melches-Stadion ihre Rot-Weissen und Trainer Jürgen Gelsdorf, der mit seiner Arbeit den lang ersehnten Aufstieg endlich geschafft hatte.

Dabei hatte die Saison alles andere als gut begonnen. RWE war mit zwei Unentschieden und einem Sieg nur mäßig aus den Startlöchern gekommen. Nach der 0:2 Heimniederlage gegen Uerdingen am 4. Spieltag stand die Mannschaft im unteren Tabellendrittel.

Stolperstart und Trainerkarussell

Es folgte der Trainerwechsel von Harry Pleß auf das Interimsteam Co-Trainer Michael Lusch und den sportlichen Leiter Frank Kontny, dann auf Holger Fach, dem man nach gut drei Wochen allerdings die Freigabe für die Bundesligamannschaft von Borussia Mönchengladbach erteilen musste. Eine sonderbare Rückkehrklausel ermöglichte Fachs plötzlichen Abgang, da Trainer Ewald Lienen gerade bei der Fohlenelf gefeuert worden war.

Der nun folgende Wechsel zu dem eigentlichen Wunschkandidaten Jürgen Gelsdorf – er hatte nach dem frühen Rauswurf von Harry Pleß den rot-weissen Anruf auf seinem Handy nicht gehört – erwies sich nach kurzen Anfangsschwierigkeiten als Glücksfall für den Verein. Zum Auftakt gab es zwar eine 0:2-Auswärts-Niederlage beim Wuppertaler SV und auch in den verbleibenden vier Auswärtsspielen der Hinrunde konnte RWE nur einmal gewinnen. Dafür entwickelte sich das Georg-Melches Stadion mit fünf Siegen und einem Unentschieden sowie 15:0 Toren bis zur Winterpause wieder zur uneinnehmbaren Festung.

Aufstieg 2004: Die Rückkehr! – Rot-Weiss Essen
Mit 18 Saisontreffern war Erwin Koen (m.), hier mit Ali Bilgin (l.) und Sebastian Schoof, maßgeblich am Sprung in die 2. Bundesliga beteiligt.

Doch noch lief keineswegs alles rund. Die Leistung der Mannschaft gegen Preußen Münster und den Hamburger SV II hatte die Fans trotz der beiden Siege nicht überzeugt. Rot-Weiss Essen ging als Tabellenfünfter mit 33 Punkten nach 19 Spielen und drei Zählern Rückstand auf einen Aufstiegsplatz in die Winterpause. Eine auf den ersten Blick „ernüchternde Bilanz“ wie die Presse kommentierte. Die Mannschaft sah das anders. „Seit ich in Essen bin, hatte ich noch nie so ein gutes Gefühl“, formulierte es ihr Kapitän Heiko Bonan stellvertretend.

Appell an die Fans

Trotzdem hatten die RWE-Anhänger ihren Unmut deutlich zum Ausdruck gebracht. In der Mannschaft hatte sich daraufhin einiges getan. Vor dem Spiel gegen Chemnitz am 13. Spieltag entrollte das Team eine große Banderole mit der Aufschrift „Wir brauchen Euch“. Kapitän Heiko Bonan ergänzte: „Gerade an der Hafenstraße müssen unsere Fans der zwölfte Mann sein. Nur wenn die Unterstützung auf den Rängen konsequent da ist, haben wir eine gute Chance, unser Ziel zu erreichen.“ Und das funktionierte. Rot-Weiss Essen gewann mit 5:0 gegen den Chemnitzer FC. Nach der „Versöhnungs-Aktion“ standen die Fans nicht nur bei den Heimspielen wie ein Mann hinter ihrer Mannschaft, sondern sorgten auch auf den Auswärtsplätzen für eine eindrucksvolle rot-weisse Kulisse und beflügelten das RWE-Team.

Durchmarsch in 2004

Als Vorteil wurde die Situation angesehen, dass man diesmal nicht der Gejagte, sondern selbst in der Verfolgerrolle war. Doch wie würde die Mannschaft mit dem ungeheuren Erwartungsdruck umgehen? Trainer Jürgen Gelsdorf äußerte sich dazu am 28. Februar 2004 im WAZ-Interview eindeutig: „Ein Spieler, der bei Rot-Weiss Essen unter Vertrag steht und nicht nur gutes Geld verdient, sondern auch in einer ganz bestimmten Erwartungshaltung steht, muss mit diesem Druck umgehen können. Ein großes Publikum kann dahingehend nur als Ansporn und nicht als Druck verstanden werden.“

Die WAZ schrieb: „Ein Vorteil könnte sein, dass sie bis auf Dresden die vermeintlich größten Konkurrenten noch alle daheim an der gefürchteten Hafenstraße empfangen. Skeptiker werfen allerdings ein, dass gerade dies in den letzten Jahren schief ging. In der Vorsaison kam mit dem 1:3 gegen Osnabrück der Bruch und im Jahr davor war das 0:1 gegen den späteren Aufsteiger Lübeck der Anfang vom Ende. Viele unken schon, oh Gott, wenn diesmal Wuppertal kommt, läuft es wieder so. Was antworten Sie denen?“ Gelsdorf antwortete: „Die frage ich: Wollt ihr lieber noch mal in Wuppertal spielen? Da haben wir vor 10.000 Leuten kein Bein auf die Erde bekommen. Klar gibt es bei uns den einen oder anderen, der sagt: Oh Trainer, heute sind 15 000 Zuschauer hier, da sind die anderen besonders motiviert. Ja, wir vielleicht nicht? Wenn wir sofort Gas geben und die Mannschaft sich total engagiert, werden die Leute bei uns nicht pfeifen, auch wenn wir das Spiel verlieren sollten. Die haben ´ne Nase dafür. Wir haben immer unsere 8000 Fans hier, das soll ´ne Belastung sein? Kann ich nicht nachvollziehen.“

Aufstieg 2004: Die Rückkehr! – Rot-Weiss Essen
Erfolgstrainer Jürgen Gelsdorf: „Ein großes Publikum kann nur als Ansporn verstanden werden!“

Saisonrekorde

Die Mannschaft spielte in den verbleibenden 15 Spielen der Regionalliga Nord mit einer Leidenschaft und einem Spielwitz, wie ihn die Essener Zuschauer lange nicht mehr erlebt hatten. Wenn es einmal läuft, kommt dann auch oft noch das nötige Quäntchen Glück hinzu; so bei den knappen und erst kurz vor Schluss erfolgten 1:0-Siegen gegen Eintracht Braunschweig, St. Pauli und Holstein Kiel.

Wie sehr das RWE-Team in dieser Saison aber an sich glaubte und den Aufstieg endlich schaffen wollte, wurde am 26. Spieltag im Spiel gegen den zu diesem Zeitpunkt amtierenden Tabellenführer Wuppertaler SV deutlich. Die Mannschaft sprühte vor Begeisterung und ließ das Team vom Zoo-Stadion beim 5:2-Sieg nie zur Entfaltung kommen. Nach dem folgenden 4:0-Auswärtssieg beim Hamburger SV II stand Rot-Weiss Essen an der Tabellenspitze und war in der Regionalliga Nord nicht mehr aufzuhalten. RWE gewann alle sieben Heimspiele nach der Winterpause und war auch bei den Auswärtsspielen bei sechs Siegen und zwei Unentschieden nicht mehr zu schlagen.

Torwart Sascha Kirschstein blieb mehr als ein halbes Jahr an der Hafenstraße ohne Gegentor. Benjamin Köhler brauchte für seinen lupenreinen Hattrick beim 3:0-Heimspielsieg gegen Sachsen Leipzig ganze drei Minuten und 55 Sekunden. Erwin Koen zeichnete sich als konstantester Torschütze der Saison aus: Zwischen dem 13. und 16. Spieltag traf der sympathische Holländer in jedem Spiel jeweils einmal, in der Rückrunde gelang ihm dieses Kunststück sogar an sieben aufeinander folgenden Spieltagen.

Jürgen Gelsdorf hatte die Mannschaft vom Nichtaufstiegstrauma befreit und die bedankte sich mit einem riesigen Transparent beim 12. Mann an der Hafenstraße: „Danke, Super RWE-Fans, Danke!“

Das Wiedersehen

Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der furiosen Saison besuchten Teile der Mannschaft von 2003/04 das Heimspiel Rot-Weiss Essens gegen den TSV 1860 München am 10. Mai 2024. Im Stadion an der Hafenstraße durften die Aufstiegshelden zwar keinen Sieg bejubeln (0:1), sich dafür vor dem Spiel aber von den im Heim-Bereich ausverkauften Tribünen bejubeln lassen.

Aufstieg 2004: Die Rückkehr! – Rot-Weiss Essen
20 Jahre später! Aufstiegs-Spieler und -Staff-Mitglieder ließen sich im Vorfeld des München-Heimspiels verdienterweise von den RWE-Fans feiern. (Foto: Endberg)

Ein Beitrag von Vereinshistoriker Georg Schrepper.

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