18. März 2025
RWE-Historie, Folge 4: „So wie einst Real Madrid“
Vor 70 Jahren | Wir nehmen wichtige Etappen von Rot-Weiss Essen auf dem Weg zum Deutschen Meistertitel 1955 in den Fokus.

Keine deutsche Fußballmannschaft bestritt nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1960er Jahre so viele internationale Freundschaftsspiele wie Rot-Weiss Essen. Bei ihrer achteinhalb-wöchigen Süd- und Nordamerikareise 1954 erhielt Rot-Weiss Essen zurecht das Prädikat, „ein ausgezeichneter Botschafter für den deutschen Fußball“ zu sein. Spitzenmannschaften aus aller Welt spielten an der Hafenstraße oder RWE bei ihnen.
In der Meistersaison 1954/55 stand Rot-Weiss Essen seit dem siebten Spieltag (11.10.1954) allein an der Tabellenspitze der Oberliga West. Einen Tag später ging es auf eine fünftägige Tour nach Spanien und Frankreich. Erster Spielpartner waren die Königlichen von Real Madrid. Vor 50.000 Zuschauern kassierte RWE eine herbe 1:6-Niederlage. Obwohl der Unterschied zwischen einer Profi- und der in Deutschland noch üblichen Vertragsspielerelf sichtbar wurde, bescheinigte die spanische Presse dem RWE: „Trotz der hohen Niederlage spielte die deutsche Mannschaft einen guten Fußball. RWE verriet eine gute moderne Schule und Klassespieler.“
Zwei Tage später gab es in Frankreich beim FC Rouen eine 2:3-Niederlage. Erneut hieß es: „Es ist eben schwer, gegen Berufsspieler zu spielen, zumal die Essener nicht in stärkster Aufstellung antreten konnten. Es fehlten Rahn, Termath, Islacker und Herkenrath.“ Einen versöhnlichen Abschluss der Gastspielreise gab es dann mit dem 0:0 bei Racing Lens. Der Chronist merkte an: „Worüber man am Samstagabend in Lens staunte, das war die vorzügliche Kondition der Westdeutschen. Dass es beim 0:0 blieb, verdankt die französische Mannschaft allein ihrer unermüdlichen Abwehr, die bei zwei Lattenschüssen nur mit Glück standhielt.“
Auch wenn bis zur Einführung der Bundesliga 1963 ein Spieler maximal 320,- DM im Monat plus Punktprämien verdienen durfte, waren diese internationalen Spiele zur Aufbesserung der Kassenlage notwendig. Insgesamt erhielt Rot-Weiss Essen für die drei Spiele in Madrid – Rouen –Lens eine Antrittssumme von 15.000 DM, inflationsbereinigt eine damals durchaus erkleckliche Summe.
Dass die internationalen Begegnungen auch für das Selbstvertrauen der Mannschaft wichtig waren, zeigt eine Episode kurz vor dem Ende der Meistersaison 1954/55. Nach dem vorzeitigen Meisterschaftsgewinn hatte es eine kurze Schwächeperiode im Liga-Alltag gegeben. Doch davon war am 20. April 1955 beim Spiel gegen die niederländische Nationalmannschaft nichts zu spüren. RWE zeigte eine seiner besten Saisonleistungen und fertigte das Oranje-Team mit 4:1 ab. Die Kritiken überschlugen sich vor Erleichterung. „Erfreulich war vor allem die Wiedergeburt unseres Nationalrechtsaußen. So möchten wir unseren Helmut (Rahn) aber auch den gesamten Sturm in den entscheidenden Spielen der Endrunde sehen.“ Und in diesen pseudoreligiösen Formulierungen ging es weiter: „Es kam die Auferstehung! 20.000 erlebten sie mit; darunter sehr viele Holländer“ Der Fußballsport schrieb: „Endlich ließen die punktspielmüden Essener die Katze aus dem Sack und vor ihrem schillernden Repertoire an Fußballkönnen erblasste und verblasste der prominente Gast vollkommen.“
Nach dem Titelgewinn der Westdeutschen Meisterschaft absolvierte Rot-Weiss Essen noch ein weiteres internationales Freundschaftsspiel als Generalprobe auf die Endrunde zur deutschen Meisterschaft. Gegen die Bolton Wanderers gab es einen 3:1-Erfolg. In der kurzen fuffzehn hieß es dazu: „In der ersten Halbzeit bestand unsere Mannschaft diese Probe mit dem Prädikat ausgezeichnet, das bestätigt wurde durch die drei bezaubernden Tore von Franz Islacker. Allein diese Tore waren es wert, zum Spiel zu kommen.“

Ein Beitrag unseres Vereinshistorikers Georg Schrepper.
