12. August 2023
Schreck vom Niederrhein!
RWE will favorisierten HSV ärgern.

Die Stunden bis zum Anpfiff werden gezählt, der Puls geht rauf: Von Kettwig bis Karnap befindet sich eine ganze Stadt in sehnsüchtiger Vorfreude auf das DFB-Pokal-Highlight gegen Zweitligist Hamburger SV (So., 13. August, 13.00 Uhr). Im Ruhrpott müssen die Gäste aus dem Norden allerdings auf den Gesang von Lotto King Karl verzichten. „Hamburg meine Perle“ wird hier an der ausverkauften Hafenstraße eindrucksvoll ersetzt durch „Wo sind wir zu Hause, wo wird man uns immer hören… an der Hafenstraße RWE“. Alles zum Traditionskracher finden Fans von Rot-Weiss Essen im Duellcheck!
Ausgangslage:
Die Geschichte von David gegen Goliath ist mindestens so alt wie der Fußball selbst. Der kleine und schmächtige David, der sich einzig mit einer Steinschleuder bewaffnet mutig dem starken Riesen Goliath entgegenstellt. So ähnlich, wenn auch ohne Steinschleuder, lassen sich die Rollen von Drittligist Rot-Weiss Essen und dem Bundesliga-Urgestein Hamburger SV beschreiben.
Rot-Weiss Essen geht trotz Auftaktniederlage (1:2) gegen den Halleschen FC mit einem guten Gefühl ins DFB-Pokal-Duell mit dem HSV, denn RWE war im Drittliga-Eröffnungsspiel über weite Strecken das bessere Team. Immer wieder erspielte sich die Elf von Chef-Coach Christoph Dabrowski Chancen. Was fehlte, waren an diesem Tag die Tore. „Heute hat die bessere Mannschaft verloren“, brachte es Mittelfeld-Hüne Vinko Šapina mit einem Satz auf den Punkt.

Die gute Leistung in Sachsen-Anhalt und der Gegner aus dem Norden Deutschlands machen Lust auf Sonntag. „Es gibt kein besseres Gefühl, als gegen so einen großen Verein, gegen so eine gute Mannschaft im DFB-Pokal vor den eigenen Fans zu spielen“, fiebert Isaiah Young der Partie im Interview unter der Woche entgegen.
Die Fans sind ein gutes Stichwort. Rot-Weiss Essen empfängt den Hamburger SV vor einer ausverkauften Hafenstraße. Egal ob auf der WAZ-Westkurve oder auf der Haupttribüne, von überall werden Rot-Weisse versuchen, ihr Team nach vorne zu peitschen und den Ball notfalls lautstark ins Tor der „Rothosen“ zu brüllen.
Rot-Weiss Essen überstand von vier der letzten zehn DFB-Pokal-Teilnahmen die 1. Runde. Das Hafenstraßen-Team schmiss hier Teams wie Union Berlin, Kaiserslautern oder Bayer Leverkusen aus dem Wettbewerb. Der letzte DFB-Pokal-Weg führte RWE bis ins Viertelfinale. Diese Reise hat damals schon der damalige Ersatz-Torwart und heutige Vize-Kapitän Jakob Golz miterlebt, für den das Spiel gegen Zweitligist Hamburger SV ein ganz Besonderes ist.
Der 24-jährige Keeper ist in Hamburg geboren und aufgewachsen, verbrachte zehn Jahre beim HSV, ehe er 2019 an die Hafenstraße ins Ruhrgebiet wechselte. Golz dazu zu Beginn der Woche: „Jetzt im ausverkauften Stadion gegen meinen Ex-Verein meinen ersten Pokaleinsatz zu bestreiten, wird definitiv ein Highlight.“

Schon ein paar mehr Einsätze im DFB-Pokal hat Teamkollege Felix Bastians auf dem Buckel. Er ist Rot-Weiss Essens Kapitän und gleichzeitig der erfahrenste DFB-Pokal-Spieler im Kader von RWE. Der 35-jährige Verteidiger bestritt in seiner Karriere 14 Partien im nationalen Pokalwettbewerb. Die weiteste Reise für den gebürtigen Bochumer ging bis ins Viertelfinale. Auch wenn Bastians in seiner Karriere schon viel gesehen und erlebt hat, im DFB-Pokal ist ihm eine richtige Überraschung noch nicht gelungen. Mit Sicherheit ein Punkt, den der RWE-Kapitän trotz seines 19. Karriere-Jahres gerne abhaken würde. Die Chance dazu bekommt er am Sonntag in seinem 15. DFB-Pokalspiel gegen den klar favorisierten Hamburger SV.

In der 1. DFB-Pokal-Runde nicht auf dem Platz unterstützen können die Verletzten Ekin Celebi (Leistenprobleme), Nils Kaiser (Innenbandanriss), Aaron Manu (Achillessehnenreizung), Sandro Plechaty (Knieprobleme) und Cedric Harenbrock (Muskuläre Probleme). Letztgenannter musste am Montag das Training abbrechen.
Gegner:
Der ehemalige Bundesliga-Dino, der ununterbrochen knapp 55 Jahre (!) in Deutschlands höchster Spielklasse zu Hause war, ist seit 2018 Zweitligist. Fester Bestandteil dieser Spielklasse will der HSV jedoch keinesfalls werden. Gereicht hat es für den Aufstieg in den letzten Jahren noch nicht. Die Hanseaten belegten dreimal den 4. Platz und gingen zweimal als Verlierer aus der Aufstiegs-Relegation.
Jetzt erst recht lautet also das Motto beim Hamburger SV, die mit einem 5:3-Erfolg über den Bundesliga-Absteiger Schalke 04 furios in die Saison gestartet sind. Eine Woche später hätte es gegen den Karlsruher SC beinahe den zweiten Sieg gegeben, wäre da nicht Budu Zivziadze gewesen, der in der fünften Minute der Nachspielzeit den Ausgleich für den KSC erzielte. „Am Ende müssen wir das Ergebnis dennoch über die Runden bekommen – und das haben wir nicht geschafft. Damit müssen wir jetzt aber leben. Im Endeffekt geht das Unentschieden in Ordnung“, befand Chef-Trainer Tim Walter nach der Partie.
Jetzt wartet Rot-Weiss Essen auf den HSV. Walter, für den es der erste Besuch in Essen ist, hat sich vorab schon Informationen zum Spielort besorgt: „Aus Erzählungen von Horst (Horst Hrubesch, Anm. d. Red.) aus dessen Vergangenheit habe ich schon viel von der Hafenstraße gehört“, sagt der 47-Jährige auf der Pressekonferenz vor dem Spiel. Der RWE-Torjäger und ehemalige Nationalspieler Horst Hrubesch arbeitet aktuell als Nachwuchsdirektor beim HSV.

Doch weg vom Ligaalltag sowie bunten Geschichten und rein ins DFB-Pokal-Geschehen. Vierzehnmal musste der Hamburger SV in der 1. DFB-Pokal-Runde bereits die Segel streichen. Das letzte Mal war das der Fall in der Saison 2020/21. Gegen den aktuellen Drittligist und RWE-Konkurrent Dynamo Dresden unterlag der HSV deutlich mit 1:4 (0:2). Trainer Tim Walter fühlt sich vor der Partie am Sonntag vorbereitet und will ein mögliches Déjà-vu verhindern: „Ich freue mich darauf, das erste Mal an der Hafenstraße zu sein. Wir wissen, dass es dort sehr hitzig ist. Nichtsdestotrotz ist es unser Anspruch, das Spiel zu gewinnen.“
Einen großen Teil dazu möchte sicher Robert Glatzel beitragen. Der Mittelstürmer ist der Torgarant beim HSV. In der letzten Saison ließ der 29-Jährige den Ball siebzehnmal im gegnerischen Kasten zappeln. Und Glatzel scheint genau da weiterzumachen, wo er in der vergangenen Spielzeit aufgehört hat. Erst ein Doppelpack gegen Schalke, dann ein weiteres Tor im Auswärtsspiel beim Karlsruher SC. Die Aufgabe von Bastians und Co. auf Essener Seite wird es sein, dem Deutschen die Freude am Tore schießen zu nehmen.
Eine Personalentscheidung ließ sich Walter auf der Pressekonferenz bereits entlocken. In der gesamten DFB-Pokal-Saison und so auch am Sonntag gegen Rot-Weiss Essen wird Matheo Raab anstelle von Stammkeeper Daniel Heuer Fernandes das Tor hüten.
Der Einsatz von Immanuel Pherai ist aufgrund muskulärer Probleme fraglich. Definitiv ausfallen werden William Mikelbrencis (Muskelverletzung im Hüftbereich), Ludovit Reis (Kapselverletzung in der Schulter), Sebastian Schonlau (Wadenprobleme), Anssi Suhonen (Wadenbeinanbruch), Mario Vuskovic (Dopingsperre).
Der Weg in den DFB-Pokal:
Der Weg in die DFB-Pokal-Saison 2023/24 war für Rot-Weiss Essen ein Steiniger. Da RWE in der vergangenen Saison weder Erst- oder Zweitligist noch zu den besten drei Teams der Drittliga-Spielzeit zählte, führte der Weg in den DFB-Pokal ausschließlich über den Gewinn des Niederrheinpokals.
Die ersten beiden Pokalrunden (5:0 SV Burgaltendorf und 9:0 1. FC Wülfrath) entschied RWE souverän für sich. Im Achtelfinale gab es für das Dabrowski-Team die erste Nervenprobe gegen Stadtnachbar ETB SW Essen. Nach einer 3:0-Führung setzte sich Rot-Weiss mit 7:5 nach Elfmeterschießen durch. Durch einen 1:0-Arbeitssieg im Viertelfinale gegen den Wuppertaler SV löste Rot-Weiss Essen das Ticket für das Halbfinale gegen den 1. FC Bocholt. An dessen Ende ein erneuter Sieg im Elfmeterschießen (6:5) stand. Isaiah Young verwandelte den entscheidenden Strafstoß und setzte so die Segel auf Endspiel. Im Niederrheinpokal-Finale belohnte sich RWE mit einem 2:0 (1:0) gegen Rot-Weiß Oberhausen für eine nervenstarke Verbandspokal-Saison und zog so in die 1. Runde im DFB-Pokal ein.
„Das ist ein geiles Gefühl. Wir haben uns diesen Saisonabschluss in diesem Jahr, in dem nicht alles glatt lief, so sehr gewünscht“, brachte es Mittelfeldmann Cedric Harenbrock nach der Partie auf den Punkt.

Der DFB-Pokal ist das richtige Stichwort, denn hier fühlt sich Rot-Weiss Essen wohl, wie die Vergangenheit zeigt. Besonders der letzte rot-weisse Auftritt in der DFB-Pokal-Saison 2019/20 ging nicht nur in die Geschichtsbücher des Ruhrgebiets-Klubs ein.
Über Arminia Bielefeld (1:0), Fortuna Düsseldorf (3:2) und Bayer Leverkusen (2:1) ging es für RWE bis ins Viertelfinale. Hier endete für das Hafenstraßen-Team gegen Holstein Kiel (0:3) eine magische Pokalreise. Nun, knapp zwei Jahre später ist „Der Schreck vom Niederrhein“ bereit für eine nächste besondere DFB-Pokal-Zeit.
Duelle gegeneinander:
Zum sechsten Mal stehen sich Rot-Weiss Essen und der Hamburger SV im DFB-Pokal gegenüber. Die Bilanz ist fast ausgeglichen: Zweimal gewann RWE, dreimal die „Rothosen“. Die Elf von der Hafenstraße war in allen bis auf einem Duell die klassentiefere Mannschaft.
Einen ausführlichen Rückblick auf jedes der fünf Aufeinandertreffen finden RWE-Fans hier.
Schiedsrichter:
Der 42-jährige Felix Zwayer leitet das DFB-Pokal-Spiel. Für den Berliner ist es die dritte Partie mit rot-weisser Beteiligung (1:1 Preußen Münster und 0:1 Energie Cottbus), wobei das letzte Spiel unter der Leitung von Zwayer 14 Jahre zurückliegt.
An den Seitenlinien unterstützen ihn Christian Gittelmann (40, Kirchheimbolanden) und Marcel Pelgrim (46).
Wetter:
DFB-Pokal und Kaiserwetter! Für Sonntag sind sonnige 22 Grad angesagt.
Übertragung:
Der PayTV-Sender Sky Sport überträgt die Partie zwischen Rot-Weiss Essen und dem Hamburger SV in einer Live-Konferenz. Parallel zum RWE-Spiel steigt das Spiel Rostocker FC gegen den 1. FC Heidenheim.
