6. September 2023
Kleine JHV: „Verein ist wirtschaftlich nicht gefährdet“
Zahlreiche Essener verfolgen Infoabend vor Ort und im Livestream.

Großes Interesse am Infoevent von Rot-Weiss Essen und FFA im Nachgang zur Mitgliederversammlung, unter Fans auch bekannt als „Kleine JHV“! 400 Mitglieder vor Ort im „Assindia“-Bereich des Stadions an der Hafenstraße und in der Spitze an die 2.200 Zuschauer im Livestream sahen unter der Moderation von Ralf Schuh einen lebhaften Austausch zwischen RWE-Verantwortlichen und -Fans, die im Vorfeld Fragen eingereicht hatten. Nach ausführlicher einstündiger Berichterstattung, in der Aufsichtsratsmitglied Hans-Henning Schäfer Rot-Weiss Essens wirtschaftliche Situation und den Bilanzverlust im Geschäftsjahr 2022 einordnete, erläuterte der ehrenamtliche RWE-Finanzvorstand und Gönner Sascha Peljhan die Hintergründe seines Darlehens. Zudem skizzierte der 45-Jährige die aktuelle Situation in der Buchhaltung. Aufsichtsratsvorsitzender Dr. André Helf beschrieb die Geschehnisse der vergangenen Monate, ehe Vorstandsvorsitzender Marcus Uhlig aktuelle Themen kommentierte. Zum Abschluss der rund dreieinhalbstündigen Veranstaltung, die augenscheinlich ein besseres Verständnis für die aktuelle Situation um RWE schaffte, hatten Veranstaltungsbesucher Gelegenheit, bei den Verantwortlichen ihre Fragen loszuwerden.
„Der Verein steht nicht am finanziellen Abgrund“, so die klare und wichtige Kernbotschaft von Finanzexperte Hans-Henning Schäfer. Der Zahlenfachmann nahm sich gehörig Zeit, Bilanz, Gewinn- und Verlustrechnung sowie Budgetplanung des Geschäftsjahres 2022 einzuordnen, mit dem ersten Halbjahr 2023 zu vergleichen und anschließend einen Ausblick zu geben. Fazit: „Wir haben ausreichend Liquidität und sind nicht bestandsgefährdet!“
Das Peljhan-Darlehen
Großen Anteil in Schäfers Redepart nahm das Peljhan-Darlehen ein. Der heutige ehrenamtliche Vorstand stellte dem Verein 2019 drei Millionen Euro zur Verfügung. Zweckgebundenes Ziel: der Aufstieg! „Meine Hauptmotivation war, wieder vernünftigen Fußball im Stadion zu sehen“, gab Peljhan flapsig doch durchaus ernst zu Protokoll.

Weil die reine Zurverfügungstellung hohe Steuerzahlungen von 30 Prozent erforderlich gemacht hätte, entschieden sich Verantwortliche für ein sogenanntes „qualifiziertes Rangrücktritts-Darlehen“. Hinter diesem komplexen Begriff versteckt sich die Rückzahlung zu für den Verein vollständig verträglichen Bedingungen. Wenn es um Gönner-Zuwendungen gehe „ganz üblich“, ordnete Schäfer ein. Für beide zweckgebundene Darlehen wurde zudem die liga-abhängig gesteuerte jährliche (und entsprechend niedrige) Rückzahlung erläutert.
„Ich hatte nie die Motivation, in der Öffentlichkeit zu stehen“, so Sascha Peljhan weiter. Wäre es nach ihm gegangen, dann hätte RWE zu Beginn der Kooperation nicht einmal seinen Namen veröffentlicht – ihm ging es nur um den bloßen Zweck, den Verein sportlich nach vorn zu bringen: „Wir mussten aber sagen, woher das Geld kommt. Anders war das in der damaligen Konstellation nicht möglich“, führt das Vorstandsmitglied aus.
Komplex und erklärungsbedürftig: Der qualifizierte Rangrücktritt
Um Schäfer und den komplizierten doch sehr gut erklärten Ausführungen zu folgen, ist Konzentration nötig. Die beweisen alle anwesenden Fans am Dienstagabend. Komplex und somit erklärungsbedürftig ist ebenfalls, dass Darlehen dieser Art bilanziell zwar als Verbindlichkeit aufgeführt werden, de facto aber wie Eigenkapital zu bewerten sind.
„Was nicht funktioniert hat, ist die Kommunikation auf der JHV“
„Wir müssen solche Themen, solche komplexen Sachverhalte zukünftig besser kommunizieren“, fordert Schäfer und blickt auf die Jahreshauptversammlung 2023 zurück. 3,6 Millionen Euro Verlust im Geschäftsjahr 2022 hatte Fans den Eindruck vermittelt, dass die Lage existenzbedrohend sei. „Das entspricht nicht den Tatsachen“, so Schäfer.

Der Aufstieg: „Dafür waren die Mittel vorhanden“
Zwei-Drittel des Verlusts kam im ersten Halbjahr 2022 zustande: Mehr-Personalkosten, etwa Prämien und Einkäufe, die ausbleibende Summe des Hauptsponsorings und die vielthematisierte eingeplante Spende für das Nachwuchsleistungszentrum. Diese negativen Planabweichungen seien allesamt bekannt und überwacht gewesen – einzig die Spielbetriebskosten waren wesentlich höher als erwartet. Berechnet man auch das zweite Halbjahr ein, ist dieser Punkt ein wesentlicher Faktor.
Als der Aufstieg immer wahrscheinlicher wurde, haben man sich zudem trotz Kenntnis etwaiger negativer Planabweichungen (sog. „Downsides“) entschieden, nicht auf die Kostenbremse zu treten – „dafür waren ja auch dank Herrn Peljhan die Mittel vorhanden“, stellt Schäfer klar.
Aufsichtsrat ist der Aufgabe nachgekommen
Auch wenn die Situation „erklärbar“ gewesen sei, habe der Aufsichtsrat, als er von Bilanz und Finanzsituation des Vorjahres zu Jahresbeginn 2023 informiert wurde, die richtigen Schritte eingeleitet, beschreibt Schäfer. Nach einem Austausch untereinander und mit fachkenntlichen Prüfern ordnete das Gremium die Lage ein, forderte strengere Kostendisziplin und machte geplante Kostenerhöhungen zum eigenen Entscheidungsfeld. Dies seien, so erklären Schäfer und Aufsichtsratsvorsitzender Helf, übliche Werkzeuge des Aufsichtsrats.

Schäfers größte Lehre aus der Situation, das betont er den Abend über immer wieder: die große Relevanz von Transparenz und Kommunikation. „Leider sind durch die tatsächlich nicht gute Kommunikation in der Mitgliederversammlung Diskussionen über Verantwortlichkeiten losgetreten worden, die an Fakten und tatsächlichen Verantwortlichkeiten vorbeigehen.“
Hintergründe zur Erweiterung des Vorstands
Aufsichtsratsvorsitzender Dr. André Helf erklärt: „Die Aufgabe des Aufsichtsrats ist es, den Vorstand zu bestellen, zu beraten und auf Basis der vom Vorstand zur Verfügung gestellten Informationen zu überwachen.“ Der Vorstand hingegen führe den Verein.
Eins war für den Aufsichtsrat nach dem Verlustjahr klar: Ein „Weiter-So“ könne es nicht geben! Darum eins der To-Dos: den Vorstand erweitern. Als Generalist habe sich der Vorstandsvorsitzende Marcus Uhlig um alle Themen kümmern müssen: Sport, Fan- und Mitgliederwesen, Infrastruktur, Sponsoring. An all diesen Stellen wurde massig etwas bewegt, weiß Helf. Bei all diesen Aufgaben in einem großen und lebhaften Verein wie Rot-Weiss Essen war Uhlig zudem noch mit Finanzen und dem damit verbundenen Berichtswesen an den Aufsichtsrat vertraut. Helf selbstkritisch: „Wir hätten Marcus Uhlig eher entlasten müssen.“
Finanzvorstand Peljhan: „Nennenswerte Abweichungen werden jetzt frühzeitig erkannt“
Zahlen sind jetzt das Thema von Darlehensgeber Peljhan. Der Unternehmer und Rot-Weiss-Fan strukturierte die Buchhaltung um, sorgte so für mehr interne Zahlen-Transparenz. „Wir haben rechtzeitig einen Prozess angestoßen, der dafür sorgt, dass in Zukunft alle und vor allem nennenswerte Abweichungen frühzeitig erkannt werden“, versichert er. So würden in Zukunft keine Entscheidungen mehr auf Basis falscher Zahlen getroffen werden.

Wichtig sei das, so führt Sascha Peljhan aus, für die Lizenzauflagen des DFB: Rot-Weiss Essen müsse künftig ein positives Jahresergebnis erzielen, um das negative Eigenkapital zu reduzieren. Andernfalls, je nach schwere der Abweichung, drohen DFB-seitig Sanktionen.
RWE schließt 1. Halbjahr mit positivem Jahresergebnis ab
Vor diesem Hintergrund lässt der gut erklärende Wirtschaftsexperte Hans-Henning Schäfer positiv gestimmt in die Zukunft blicken: „Wir haben ausreichend Liquidität, alle Zahlungen leisten zu können. Wir stehen im Vergleich zu anderen Vereinen gut dar.“ Ein weitreichendes Maßnahmenpaket – Verbesserung des Jahresergebnisses, gleiche Personalkosten, Kostenreduktionen im Bereich des Spielbetriebs und ein geringeres Transferbudget, das nur mit Mehrerlösen gesteigert werden kann – sorgte bereits für Besserung: Nach dem 1. Halbjahr 2023 verzeichnet RWE ein Positivergebnis von 41.000 Euro.
