23. September 2023

Duellcheck: Wo Offensivfeuer auf Abwehrbeton trifft

Ulm empfängt Essen: Zweitbeste Offensive misst sich mit bester Hintermannschaft.

Duellcheck: Wo Offensivfeuer auf Abwehrbeton trifft – Rot-Weiss Essen
Gegen RWE und Angreifer Moussa Doumbouya (l.) den Ball zu behaupten, ist derzeit kein Zuckerschlecken. (Foto: Endberg)

Dass die Partie zwischen Rot-Weiss Essen und dem SSV Ulm am kommenden Sonntag (13.30 Uhr, Donaustadion) zumindest der Tabellensituation nach zu urteilen und mit einem kleinen Maß an Übertreibung in petto ein Topspiel ist, hätte vor der Saison kaum jemand vermuten können. Während die Experten mutmaßten, wie Chef-Trainer Christoph Dabrowski sein Team nach einem schwierigen ersten Drittliga-Jahr durch die noch schwerere zweite Profizirkus-Saison manövrieren würde, backten auch die Donaustädter vergleichsweise kleine Brötchen. „Klassenerhalt“, so die kleinlaute Zielstellung. Auch wenn die demütige Botschaft beider Klubs natürlich bleibt, dass die Saison gerade erst am Anfang steht, treffen für den Moment zwei der formstärksten Drittliga-Teams aufeinander. RWE-Coach Dabrowski und Ulm-Übungsleiter Thomas Wörle setzen dabei auf ganz unterschiedliche Rezepte: Während der Rot-Weisse Abwehr-Stahlbeton rührt, zündeln die Ulmer mit (im Defensiv-System überraschend großem) Offensivfeuer. Der Duellcheck mit allen wichtigen Fakten vor dem Pott-Donau-Duell.

Ausgangslage:

Spricht man den gemeinen Fußballer auf Zahlenspielchen an, dann wehrt der ab! „Von Spiel zu Spiel denken“, lautet die Devise. Und nichtsdestotrotz lässt diese rot-weisse Statistik auch den ältesten Fußballhasen die Löffel spitzen: Fünf Spiele in Folge ist das Hafenstraßen-Team ungeschlagen, vier davon ohne Gegentor.

Jakob Golz musste 433 Pflichtspiel-Minuten nicht mehr hinter sich greifen. Wer einen Schnapper sucht, dessen Weste länger weiß geblieben ist, der muss gehörig im Lexikon blättern: Niclas Heimann war zwischen Oktober und Dezember 2014 einmal fünf Spiele „gegentorlos“. Zwischen den Treffern in den West-Regionalliga-Spielen gegen die Sportfreunde Siegen (17. Oktober 2014; 3:1) und die Sportfreunde Lotte (06. Dezember, 1:1) lagen stolze 553 Minuten. Daniel Davaris RWE-Rekord stammt aus dem November 2020 und kommt in die Nähe der Golz-Schnapperserie: Er schaffte es 432 Minuten ohne Gegentreffer – allerdings mit zwei Spielen Corona-Zwangspause zwischendrin, in denen Treffer gefallen waren.

Duellcheck: Wo Offensivfeuer auf Abwehrbeton trifft – Rot-Weiss Essen
Schnappt derzeit alles weg, was ihm vor die Flinte kommt: Jakob Golz. (Foto: Endberg)

Im Schweinwerferlicht steht in Ulm neben Jakob Golz auch Vinko Sapina. Der 28-jährige Mittelfeld-Bulle, der Zwei-Drittel aller Saison-Zweikämpfe bislang für sich entscheiden konnte, ist in der Donaustadt geboren. Beim SSV kickte Sapina in der A- und B-Jugend, auch fünf Profijahre verbrachte Essens Hüne an der Donau (2016-2021): „Ich habe noch eine große Bindung zum Verein.“ Am Samstag wird der Rot-Weisse nun versuchen, Punkte aus seinem „alten Wohnzimmer“ zu klauen. Sapina, der erstmals in einem Pflichtspiel gegen einen Ex-Klub spielt, weiß allerdings um die Schwierigkeit dieser Aufgabe: „Ich erwarte einen starken Gegner, der gut eingespielt ist, eine starke Abwehr und ein gutes Trainerteam hat. Stadt und Verein sind nach dem Aufstieg unfassbar euphorisiert. Das wird auf den Tribünen zu spüren sein.“

Für Rot-Weiss Essen geht es Sonntag darum, einen ordentlichen siebten Tabellenplatz zu verteidigen – besonders weil es in der 3. Liga eng hergeht. Auch wenn RWE zu den zuletzt formstärksten Drittliga-Teams zählt, ist die Abstiegszone weiterhin nur drei Punkte entfernt.

Duellcheck: Wo Offensivfeuer auf Abwehrbeton trifft – Rot-Weiss Essen
Frisur gleich, Talent gleich, Trikot ein anderes: Vinko Sapina kehrt am Sonntag nach zwei Jahren in seine Heimatstadt Ulm zurück. (Foto: SSV Ulm / Endberg)

Aufwind möchten sich die Rot-Weissen zudem für einen wahren Fußballmarathon holen: Die Partie im Donaustadion markiert den Anfang einer Serie von fünf Partien in 13 Tagen. Auf Ulm folgt das Pokalspiel gegen Oberligist St. Tönis (Mi., 27. September, 19.00 Uhr), dann empfängt RWE Tabellenführer Dynamo Dresden (So., 01. Oktober, 13.30 Uhr). In der darauffolgenden Englischen Woche geht es erst zu München-Vorortklub SpVgg Unterhaching (Mi., 04. Oktober, 19.30 Uhr), danach schielt der SC Verl auf Punkte von der Hafenstraße (Sa., 07. Oktober, 14.00 Uhr).

Genau wie Mittelfeldmann Sapina, will auch Coach Christoph Dabrowski Zählbares entführen: „Wir haben gezeigt, dass wir uns fußballerisch entwickelt haben. Wir werden in Ulm in der Lage sein, zielstrebig nach vorne zu spielen und uns Torchancen zu erarbeiten.“ Essens Chef-Trainer muss bei seiner Punktemission dabei auf Ekin Celebi (Leistenprobleme), Thomas Eisfeld (Teilriss der Syndesmose), Nils Kaiser (Aufbautraining nach Innenbandriss) und Fabian Rüth (Kreuzbandriss) verzichten.

Der Gegner:

Eine Identifikationsfigur wünscht sich jeder Verein, der SSV Ulm hat sie gefunden. Johannes Reichert ist Innenverteidiger mit ausgeprägtem Drang Tore zu schießen (42 Tore in wettbewerbsübergreifend 374 Ulm-Spielen), Mannschaftskapitän und allen voran mit kurzer zweijähriger Unterbrechung seit 1996 (!) im Verein.

Duellcheck: Wo Offensivfeuer auf Abwehrbeton trifft – Rot-Weiss Essen
Treu, treuer geht’s nicht: Johannes Reichert erlebt in mehr als einem Viertel-Jahrhundert Ulm erstmals den Medienrummel der 3. Liga. (Foto: Deutscher Fußball-Bund / DFB)

In dieser Zeit gab es für den beidfüßigen 32-jährigen Defensivmann einiges zu erleben: Drei Insolvenzen, der zwischenzeitliche Fall von der Bundes- in die sechstklassige Verbandsliga und somit auch reichlich Aufstiege. Den Bedeutendsten nach steinigem Weg feierte der Schwimm- und Sportverein im Sommer 2023: Mit einem 5:0 gegen Barockstadt Fulda katapultierten sich die „Spatzen“ nach langatmigem Aufstiegskampf mit Steinbach Haiger und Hoffenheim II in den Profifußball zurück.

Vater des Ulmer Erfolgs ist Thomas Wörle, der sich vor allem im Frauenfußball einen Namen verdiente. Der 41-jährige Trainer formte den FC Bayern München zwischen 2010 und 2019 zu einer der besten Mannschaften des Landes. An der Isar gelangen Wörle zwei Meistertitel. Außerdem schaffte er es, 40 Bundesliga-Spiele in Folge ohne Niederlage zu bleiben.

Welch Offensivfeuer der Fußball-Lehrer trotz defensiver Ausrichtung – Ulm ging bislang jedes Spiel mit Fünferkette an – zum Lodern gebracht hat, dürfte wohl auch ihn selbst wundern: Mit zehn erzielten Treffern sind die „Spatzen“ zweitgefährlichster Drittligaverein – und das bei Gegnern, bei denen einem Aufsteiger eigentlich Angst und Bange wird.

Gegen Bielefeld (1:0), Lübeck (3:0) und jüngst Mannheim (2:0) gewann Ulm ohne Gegentor. Zu jeweils 1:1-Remis gegen Saarbrücken und Duisburg kommt eine einzige Niederlage: ein knappes 2:3 gegen Mitaufsteiger Unterhaching. All das bedeutet derzeit den dritten Tabellenplatz! Wörle im August gegenüber „sechzger.de“: „Wir wollen alles dransetzen, um den Klassenerhalt zu schaffen.“ Derzeit ist der Südwest-Klub auf dem besten Weg dahin.

Starke Aufsteiger? Übrigens eine Spezialität der 3. Liga! Zwischen 2011/12 und 2023/24 gab es in zehn von zwölf Saisons mindestens einen oder mehrere Klubs, der ähnlich respektable oder noch bessere Punkte-Werte wie der SSV Ulm vorweisen konnte.

Duellcheck: Wo Offensivfeuer auf Abwehrbeton trifft – Rot-Weiss Essen
Mischen derzeit die 3. Liga auf: das Team des SSV Ulm. (Foto: SSV Ulm)

Und trotzdem ist die Leistung des Wörle-Teams beachtlich, besonders weil der Verein weitestgehend seinem Aufstiegskader vertraut. Nur neun Neuzugänge wechselten im Transfersommer an die baden-württembergisch-bayrische Grenze – zwei davon allerdings mit Ulmer Vergangenheit: Bastian Allgeier unterschieb nach Leihe vom Karlsruher SC einen festen Vertrag, Felix Higl (zuvor VfL Osnabrück) zählte bereits Jahre zuvor zum SSV-Aufgebot.

Während Angreifer Higl zuletzt zweimal in Folge von der Bank kam, ist Rechtsverteidiger Allgeier festgesetzt. Er bestritt bislang jede Drittliga-Minute. Und auch sonst setzt Wörle in seiner Stammelf auf verdiente Ulmer: Torhüter Christian Ortag (540 Minuten) gehört seit 2018 dem Verein an, Innenverteidiger Thomas Geyer (514) kickt seit 2019 in schwarz-weiß, Stürmer Nicolas Jann (398 Minuten) trägt ebenfalls seit 2018 das schwarz-weiße Trikot.

Stadion:

Donaustadion (19.500 Plätze) | 1925 eröffnet, 1999 zuletzt saniert | Eigentümerin: Stadt Ulm

Letzte Duelle:

  • 06. August 1983:  SSV Ulm – RWE (5:2 / Tore Rot-Weiss: Wegmann (2))
  • 21. Januar 1984: RWE – SSV Ulm (1:1 / Tor Rot-Weiss: Lander)
  • 02. August 1986: RWE – SSV Ulm (2:3) / Tore Rot-Weiss: Heitkamp (2))
  • 07. März 1987: SSV Ulm – RWE (0:1 / Tor Rot-Weiss: Helmig)
  • 20. September 1987: RWE – SSV Ulm (3:0 / Tore Rot-Weiss: Helmig, Laibach, Regenbogen)
  • 17. April 1988: SSV Ulm – RWE (1:3 / Tore Rot-Weiss: Koch, Abramczik, Regenbogen)

Der Schiedsrichter:

Marc Philip Eckermann ist Referee der Partie. Der 26-Jährige leitet sein zweites Spiel mit RWE-Beteiligung. Am 02. September 2022 pfiff er den ersten rot-weissen Drittliga-Sieg zwischen dem Hafenstraßen-Team und Erzgebirge Aue (2:1).

Eckermanns Assistenten sind Dominik Schaal (38, Tübingen) und Tobias Huthmacher, zwischen den Trainerbänken steht Philipp Hofheinz (25, Niefern) als vierter Offizieller parat.

Das Wetter:

18 Grad in Ulm, dafür kein Regen.

Übertragung:

MAGENTA SPORT überträgt die Partie live ab 13.15 Uhr. Oskar Heirler kommentiert, Alexander Küpper moderiert.

mehr von der hafenstraße: